Muss ich reich sein, um Gutes zu tun?

«Hesch mer drüü Stutz? Ech sägs grad ehrlich. Bruuche das Gäud för ‚nes Bier.»

Er steht leicht schwankend vor mir… Wie eine Eiche, die sanft vom Wind gewiegt wird. Eine Eiche hat kräftige Wurzeln. Die, so scheint es, hat er verloren. Einer von der Strasse, offensichtlich. Mit seinen Worten schwappt eine Alkoholfahne in mein Gesicht. Seine Augen bittend auf mich gerichtet hält er mir die offene Hand hin. Ich lege ihm einen Fünflieber hinein.
«Es ist vermutlich nicht die Lösung. Aber wenn es dir im Moment hilft, dann gerne.»
Das Leben rauscht rechts und links an uns vorbei. Während in unserer Blase drin die Zeit kurz stillsteht. Das scheint ihm aufzufallen.
Er mustert mich und meint: «Ach, wahrscheinlich hast du ja gar keine Zeit, mir zuzuhören. Tut mir leid!»
Worauf ich ihm entgegne: «Ich habe heute schon so viele Züge und Busse verpasst. Da kann ich mir den einen auch noch entgehen lassen.»
Sein Gesicht leuchtet. Und die Worte stürzen aus seinem Mund. Binnen weniger Minuten stecke ich mittendrin in seiner Lebensgeschichte. In seinem Schicksal. Es ist manchmal ein mieser Verräter, dieses Schicksal. Ich stehe da, lausche ihm. Wie er aus der Umlaufbahn geworfen wurde. Wir beide, im geschäftigen Bahnhofstreiben, eingepackt in seine Geschichtenblase. Irgendwann hat er seine Worte aufgebraucht. Schweigen. In seinem Kopf scheint es zu rotieren.
Auf der Suche nach den passenden Worten: «Ich würde dich jetzt gerne umarmen. Aber wahrscheinlich stinke ich dir zu fest.»
Seine Offenheit ist erfrischend. Erreicht mein Herz in Lichtgeschwindigkeit. Ich lache innerlich schallend und schmunzle ihn leise an: «Natürlich darfst du mich umarmen.»
Ich schliesse ihn in meine Arme. Er, der Hühne, lehnt sich an mich. Für einen kurzen Moment nur. Dann lässt er mich los und meint: «Danke dafür.» Er holt nochmals zu einer Erklärung aus … dreht sich weg und schwankt davon.

Ich bleibe stehen. Verwurzelt in diesem Moment. Solche Begegnungen berühren mich immer wieder tief. Wie sehr unterscheidet sich dieses Leben von meinem? Wie sehr unterscheidet sich dieses Leben von dem, was in den Sozialen Medien gepredigt wird? «Mindset ist alles. Da wo du deinen Fokus hast, geht die Energie hin. Wie du innert Kürze reich wirst.» Es gibt viele Parolen dazu, wie man sich auf Erfolg trimmt. Dann wäre dieser Mensch offensichtlich einer, der versagt hat. Doch, ist die Antwort wirklich so einfach? Ich frage mich einen leisen Moment, warum gewisse Menschen ihr Schicksal meistern und andere auf einmal vom Leben gelebt werden. Die Antwort wird philosophisch bleiben … Doch eines weiss ich mit Sicherheit: Es steht mir in keiner Sekunde zu, diesen Menschen, den das Leben offensichtlich gebeutelt hat, zu beurteilen. Was mir aber zusteht ist, ihm mit Mitgefühl zu begegnen. Ein Wert, der – so scheint es mir – nicht mehr so gross in Mode ist.

Wie oft las ich in den letzten Monaten: «Ich will Millionär/in werden, um Gutes zu tun.» Da frage ich mich echt und ehrlich, braucht es dazu die Million? Oder kann man vorher schon damit beginnen? Ich glaube ja. Der innere Reichtum hat nichts mit Zahlen zu tun. Sondern damit, wie erfüllt und dankbar man die Fülle wahrnimmt, in der ein ganz grosser Teil von uns bereits lebt. Und die kann man teilen, ohne einen Franken auszugegeben.

Zeit, ein offenes Ohr, ein offenes Herz und einem Menschen auf Augenhöhe begegnen, der das vermutlich nicht mehr so oft erlebt. Ihn mit Würde und Respekt behandeln, egal in welcher Situation er sich befindet. All das ist kostenlos. Aber ganz und gar nicht umsonst. Und es macht reich, echt!