Noch immer tabu?

Mittwochabend. Sonnenschein. 14. August 2019. Pulsfrequenz hoch. Der Verein Business & Professional Women hat eingeladen. Für ein Referat zum Thema Burnout. Was das mit mir zu tun hat? Nun, ich bin quasi die Expertin. Weil ich es selbst durchlebt habe. «Heute vor zehn Jahren, wird mir auf einmal bewusst. Es war genau heute vor zehn Jahren, am 14. August 2009, dass ich aus meinem Leben ausgecheckt und in die Klinik in Gais eingecheckt habe. Wie es dazu kam? Das erzähle ich den Augenpaaren heute Abend. Kein auswendig gelernter Vortrag, erlebte Realität. Und deshalb fällt es mir leicht, darüber zu sprechen. Die Worte sprudeln aus mir raus, wie sie es sonst nur beim Schreiben tun. Wie es dazu kam, ist die eine Seite. Wie ich aber zurück ins Leben fand, was ich heute anders mache, das scheint mir viel wichtiger. Und es ist die Geschichte, die ich erzählen will.  Continue reading

Das Leben kleben

Hin und wieder muss man das. Das Leben kleben. Dann, wenn es ein paar Risse bekommen hat. Oder Dellen. Oft hilft Duck Tape. Damit lässt sich fast alles flicken. Aber nicht immer. Wenn «nicht immer» der Fall ist, dann braucht es gute Freunde. Eine liebe Umarmung oder einen Moment, in dem die Sonne den Horizont küsst und den Himmel zum Erröten bringt. Dann ist das Leben ganz schnell wieder bepanthengut. Man sieht den Riss noch ein kleines Bisschen. Aber weh tut er nicht mehr.

Es gibt aber auch die Momente, in denen der Riss zu einem Graben wird. Momente, in denen man gelebt wird, anstatt selbst zu leben. Man verwirft verzweifelt die Hände und stampft trotzig auf. Nein, das ändert nichts an der Tatsache. Hilft aber kurzfristig gegen das Ohnmachtsgefühl. Ohnmächtig habe ich mich gefühlt, während der Monate, in denen ich eine neue Wohnung gesucht habe. Neue Wohnung? Ja. Ich bin vor einem Jahr umgezogen. Stimmt. Was mir beim Einzug nicht bewusst war: Im Sommer verwandelt sich mein Daheim in ein Tropenhaus. Warm und feucht. Würde ich eine Karriere als Pilzzüchterin in Betracht ziehen, à la bonheur. Davon bin ich aber weit entfernt. Also habe ich den ganzen letzten Sommer in Begleitung von Fred verbracht. Fred, so heisst mein Luftentfeuchter. Er hat einen Namen bekommen, weil wir in den Monaten eine innige Beziehung entwickelt haben. Täglich zweimal die vollen Windeln gewechselt und dafür gesorgt, dass er zur rechten Zeit mit seiner Arbeit beginnt. Mein Gang zu Fred war das erste, was ich tat, wenn ich heimkam. Da ich mir durchwegs eine prickelndere Beziehung vorstellen kann, als die zu einem Luftentfeuchter, suchte ich kurz nach meinem Einzug wieder eine neue Wohnung. Meine Ansprüche? Hell, mindestens zwei Zimmer, Badewanne, Balkon, bezahlbar. Das wars dann auch schon. Die Suche hat gedauert. Ok, ich war auch nicht immer gleich intensiv unterwegs.

Aber, irgendwann hatte ich echt das Gefühl, auf dem Pfad der Unmöglichkeit zu wandern. Wohnungssuche in Luzern und Umgebung – das ist echt ein Ultralauf. Nix mit Kurzstrecke und mal eben vorbeigehen. Ne du, langer Atem und gute Argumente. Warum gute Argumente? «Ach, Sie sind selbständig? Haben Sie jemanden, der für Sie bürgt? Ist es denn wenigstens eine GmbH? Ja, dann bräuchten wir aber Ihre Bankauszüge und einen Vermögensnachweis. Und ein Partner, ist da jemand, der die Wohnungsmiete mitfinanziert?» Das sind noch die harmlosen Fragen und Absagen. Ganz schön fand ich diejenige mit «Sie sind selbständig und haben ein Auto.» Herrgott, als ob es ein Verbrechen ist, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und gerne mobil zu sein. Manchmal hätt ich einfach drauflosheulen können. Muss ich mich jetzt wirklich anstellen lassen, damit ich als Mieterin solvent bin? In welchem Jahrhundert leben wir denn? Das hab ich mich oft gefragt. Die Wohnungssuche hat einen Krater in mein Lebensbild gerissen. Ehrlich! Irgendwann tauchte dann auch der Gedanke auf: Soll ich einfach dableiben, wo ich bin? Und jeden Sommer mit Fred verbringen? Viele haben einen Urlaubsflirt. Meiner wäre dann einfach immer der gleiche. Bloss, wie fühlt sich das an? In etwa so, wie wenn man mit jemandem in einer Beziehung ist und eigentlich weiss, dass es nicht passt. Dann kommen aber wieder gute Monate – die hatten meine Wohnung und ich im Winter, weil da geheizt wird – und man glaubt, dass man es hinkriegt. Auf die Guten folgen wieder weniger lustige. Da bekommt man wieder glasklar vorgeführt, warum das eben doch nicht passt. Also bin ich drangeblieben, an der Suche. Und es hat sich gelohnt. Den Urlaubsflirt mit Fred darf ich den Sommer über noch geniessen. Aber auf den Herbst, da bekomme ich eine neue Liebe. Und die hält was sie verspricht. Ganz ohne Ducktape-kleben.