Mit dem Schnellzug mitten ins Herz

Ein schöner Tag. Am Abend wird nichts mehr sein, wie es am Morgen war. So ist es immer. Mit jedem Tag. Auch wenn man das manchmal nicht mag. Wir sind abends ein paar Stunden älter, ein paar Takte weiser… vielleicht. Ein paar Zellen veränderter… in jedem Fall. Und an diesem speziellen Tag… um eine wundervolle Begegnung reicher.

Bahnhof Luzern, Samstagmorgen. Einer dieser Samstage, an denen die ganze Schweiz ins Tessin reisen will. Klug vorgedacht haben wir Plätze für unsere Bikes und uns selbst reserviert. Die Bikes logieren in Wagen sieben. Wir in Wagen zwei. Dazwischen liegt das SBB Bistro. Es bietet sich an, auf dem Weg zum Sitzplatz einen Kaffee zu ergattern. Der Zug ruckelt bereits auf den Geleisen, als wir endlich bei unseren reservierten Thronen (Nein, ich meine nicht Drohnen – die Mehrzahl von Thron lautet wirklich so.) ankommen. Und da sitzt sie: eisgraues Haar, Haut wie feines Pergament, bergseeblaue Augen und ein Strahlen, das dem eines Diamanten gleicht. «Oh, ich habe schon gedacht, ich hätte die ganze Vierercombo für mich alleine.» In ihrer Stimme schwingt ein Schmunzeln mit. In ihren Augen blitzt und glitzert es. Sie belegt meinen Platz. «Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich hier sitzen bleibe?». Voll ok. Mein Magen ist unempfindlich und ich kann die Fahrt genauso gut im Rückwärtsgang geniessen.

Ein Genuss wird es! Die Dame sprudelt über vor Energie und Lebensfreude. Sie ist eine Schatztruhe voller Geschichten. Geschichten aus einem langen Leben. Wie ich auf das lange Leben schliesse? Nun, sie berichtet von den Jahren, als sie in Grindelwald in einem Sportgeschäft gearbeitet hat. Das war 1958. Kurz überschlage ich im Kopf, dass sie dann ja so um die Zwanzig gewesen sein muss. Sie erlebte in diesem Winter, wie einer der ersten Skilifte gebaut wurde. «Wissen Sie, so einer mit einer Stange und einem kleinen Teller unten. Das Frauenträumli, haben wir es genannt.» Sie hält sich die Hand vor den Mund und zwischen ihren Fingern perlen kleine Lachbläschen hervor. So viel damenhaften Schalk habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Sie ist erfüllt von liebevollen Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Heute führt sie ihre Reise ins Tessin, ans Kastanienfest. Mit ihrem Ehemann lebte sie viele Jahre in der Nähe von Rivera. Er starb und sie kehrte vor fünf Jahren nach Luzern zurück. «Weil es im Tessin alleine nicht mehr gegangen wäre …», stellt sie nüchtern fest. Jetzt erobert sie die Welt von Luzern aus. Mal mit ihren Freundinnen, mal alleine. «Ich habe nicht mehr viele Freunde und Bekannte. Die meisten sind schon gestorben. Oder dann nicht mehr so mobil wie ich. Kinder habe ich keine», auch das erzählt sie ohne Gram. Sondern in einem Ton, der ausdrückt: «Ich liebe mein Leben, so wie es ist». Das strahlt aus jeder einzelnen ihrer Körperzellen. Diese Dame ist mit sich und ihrem Leben im Reinen. «Ach ja. Heute Abend muss ich zeitig zurück sein. Ich will noch ins KKL. Tango!» Tango – das passt zu ihrem Temperament und ihrer Lebensfreude. Sie plaudert und giggelt in einem Fort. «Das Leben macht doch viel mehr Spass mit etwas Humor», meint sie, fast ein bisschen entschuldigend. Recht hat sie. Im richtigen Moment ein Spässchen, in holprigen Situationen über sich selbst lachen können und den Tagen dadurch etwas Leichtigkeit geben. So sollte es sein. Sie beherrscht diese Disziplin, ohne Frage. Die Zugfahrt vergeht viel zu schnell. Wir müssen umsteigen, raffen unsere sieben Sachen zusammen. Ein herzliches Auf Wiedersehen, begleitet von ihrem unwiderstehlichen Lachen. Am Perron bleiben wir stehen, winken uns die Hände aus dem Handgelenk. Blicken dem Zug fast etwas wehmütig hinterher. So, als ob wir eben einer lieben Freundin Adieu gesagt hätten.

Es gibt sie wirklich, diese Menschen, die sich mit dem Tempo eines Schnellzuges in dein Herz stehlen. Und da bleiben. Egal, ob du ihnen jemals wieder begegnest. So wie Irma. Wie diese Dame ihr Leben lebt, mit welcher Freude und kindlicher Leichtigkeit, mit welchem Schalk und Charme sie unterwegs ist, das hat mich beeindruckt und berührt. Ich weiss, es ist eine Momentaufnahme. Irma hat auch ihre grauen Tage. Sie beschönigt nichts. Aber sie ist eine, die lieber ins Licht blickt. Und mit ihrem Leuchten unsere Welt ein ganz klein wenig strahlender macht.