Spiegelbilder

Special Effects zieren den Himmel. Unzählige Wolken in facettenreichen Grautönen lassen es regnen. Der Wind rauscht durch die Blätter und die Grashalme wiegen sich im Takt. Ein missmutiger Tag, der viele in ihren Wohnungen behält. Ein paar wenige nur, die ihm trotzig die Stirn bieten und sich aufmachen, die Natur trotzdem, oder gerade deswegen, zu geniessen. Ich selbst mag graue Tage. Weil sie dazugehören. Weil es auch den Regen braucht, dass die Natur gedeiht. Dass Blätter saftig grün strahlen, die Blumen in die Höhe schnellen.

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Freunde

Sie lachen mit mir, hemmungslos und grundlos.
Sie können entspannt schweigen und damit mehr sagen, als Worte es manchmal vermögen.
Sie nehmen mich in den Arm und geben mir Geborgenheit.
Sie rücken mir den Kopf zurecht, wenn ich ihn verloren habe.
Sie sind kritisch, ohne mich zurechtzuweisen.
Sie geben mir einen liebevollen Arschtritt, wenn ich selber nicht vom Fleck komme.
Sie kratzen mich vom Pflaster, wenn ich geplättet am Boden liege.
Sie setzen mich Stück für Stück wieder zusammen, wenn ich mich selbst demontiert habe.
Sie hören sich tausend Mal die gleiche Story an und sind noch immer nicht gelangweilt.
Sie lachen lauthals über meine Witze, wenn sonst niemand lacht.
Sie nehmen mich einfach, so wie ich bin.
Sie akzeptieren meine Schwächen besser, als ich es manchmal kann.
Sie freuen sich über meine Erfolge nachhaltiger, als es mir ab und an gelingt.
Sie reichen mir das Taschentuch, wenn ich Rotz und Wasser heule.
Sie stellen mir die richtigen Fragen, ohne mich zu hinterfragen.
Sie lachen mit mir gemeinsam über mich, ohne sich lustig zu machen.
Sie wertschätzen mich, ohne dass ich etwas dafür leisten muss.
Sie freuen sich über meine Gesellschaft, einfach weil ich ich bin.
Sie haben eine eigene Meinung und akzeptieren die Meine.
Sie führen ihr Leben und lassen mich meines leben.
Sie sind da, auch wenn ich sie manchmal wochenlang nicht sehe.
Sie akzeptieren meine Entscheidungen, auch wenn sie sie nicht verstehen.
Sie lieben mich, ohne Bedingungen zu stellen.

Ich bin unendlich dankbar, dass sie da sind. Dass sie mich begleiten.
Auf meinem Weg, mir selber mein bester Freund zu sein.

Was bleibt, wenn du gehst?

Jede Liebe die endet, ist wie ein kleiner Tod. Manche sterben diesen Tod nur einmal in ihrem Leben, weil sie entweder die eine, grosse Liebe gefunden haben – was ich für jedes Paar hoffe, das Seite an Seite lebt. Oder, weil sie zu bequem sind, um aus einem unbequemen Leben auszusteigen – was vermutlich häufiger der Fall ist, als man sich wünscht. Andere hingegen sterben mehrmals. Manchmal theatralisch, manchmal still und leise. Man sollte meinen, mit den Jahren etwas gelassener, ruhiger, abgeklärter zu werden, wenn es um Liebesdinge geht. Doch, unterm Strich bleibt das Drama das Gleiche. Man zerpflückt. Jedes. Einzelne. Detail. In Fragmente. In Millimeterarbeit.  Continue reading

Augen auf und durch!

Geschenke fallen einem manchmal zu – genau dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Oder vielleicht auch dann, wenn man es schafft, wieder mal dem realen Leben zu begegnen. Weg vom Schreibtisch, das Handy in der Tasche verstaut, offline für ein paar Stunden. Um wieder mal ganz bei sich selber zu sein. Was noch vor ein paar Jahren völlig normal war, «Ich bin nicht erreichbar, weil ich unterwegs bin», wird heute als Luxus angesehen Continue reading

Wird jeder Muskel unter Belastung grösser?

Der Muskel schmerzt. Bei jeder Bewegung ein kleines fieses Ziehen. Er ist gereizt, beleidigt und schaut, dass er die Belastung beim nächsten Mal besser erträgt. Sportler klatschen begeistert in die Hände. Das Training zeigt Wirkung. Also kann man getrost noch Eins obendrauf setzen. Die Magie beginnt da, wo die Komfortzone endet: heisst es so schön. Freiwilliges Abrackern um der Fitness willen. Mensch ist eigenartig. Sonst so sehr darauf bedacht, alles was weh tut zu vermeiden, geht er im Training, im Wettkampf ganz freiwillig an und über seine Schmerzgrenze. Aber wehe, wenn der eine, zentrale Punkt einmal zwickt. Continue reading

Die Braut, die sich traut

Neulich lauschte ich einem Gespräch, das mich fasziniert hat. Faszinieren tun mich nicht nur Dinge, die ich an und für sich schön finde. Faszinierend wirkt auf mich alles, was ich nicht einordnen kann. Was sich meiner Logik verschliesst. Was mein Weltbild in Frage stellt. Faszinierend ist, wenn Gesagtes und Gemeintes so inkongruent wirkt, wie ein Rechteck und ein Kreis. So auch dieses Gespräch. Es mag sein, dass ich falsch interpretiere. Es mag sein, dass ich vorschnell urteile. Es mag auch sein, dass alles ganz anders ist, als ich wahrnehme. Wer bin ich denn?

Und doch … Small Talk in einer illustren Runde an einem schönen, privaten Anlass. Manche Gesichter bekannt, andere weniger. Aber niemand so nah (die Gastgeberin ausgenommen), dass ich mein Innerstes nach Aussen kehren würde. In dieser Runde sitzt ein Pärchen, das vor dem grossen Schritt steht. Sie trauen sich. Aber, ob sie sich wirklich trauen, da bin ich mir nicht so sicher. Sie tun es einfach, weil man es tut, wenn man so lange zusammen ist. So mein Eindruck. Den ganzen Abend beschenken sie sich mit mehr oder weniger passenden Bemerkungen. Sie streichelt über sein nicht vorhandenes Haupthaar und quittiert seine Aussagen mit einem „Ja, Schatz. Natürlich Schatz.“ Er untermalt seine Aussagen mit einem sanften Tätscheln ihrer Wange und einem „Gell, Schatz.“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Theaterstück sehen will. Gekauft hab ich mit Sicherheit kein Eintrittsticket. Und, wärs ein Strassentheater „for free“ würde ich wohl weitergehen. Aber in diesem Rahmen lasse ich mir das hübsche Spektakel dann doch nicht entgehen. Irgendwann dann … „Also, ich müsste nicht heiraten. Ich tu es eigentlich nur ihr zu liebe. Und damit ich mich bald dem Hausmann Dasein widmen kann. Dann soll sie arbeiten und für uns schauen.“ Aha … da haben wir es mit einem ganz emanzipierten Exemplar Mann zu tun. Wenn da nur nicht dieser kleine Unterton wäre. Der dem Gesagten die Glaubwürdigkeit nimmt. Und Einwürfe in Richtung … „für Putzen und Wäsche bin ich dann nicht zuständig. Das ist ihr Fachgebiet.“ „Ja, Schatz. Ich weiss. Du heiratest nur, um mir damit eine Freude zu machen. Darum ersparen wir uns ja auch die Kirche. Gehen an einen schönen Ort und feiern das Fest ganz anders. Wir zelebrieren den Tag in einem ganz anderen Rahmen.“ Sie schaut um Beifall heischend in die Runde. Der Applaus ist verhalten. „Aber ich will einfach einmal dieses Prinzessinnenkleid anziehen.“ Jetzt … stockt mir der Atem. Das war wohl ein Witz? Nur habe ich vermutlich die Einleitung zu dieser Komödie verpasst. Ich warte auf die Auflösung – sprich, dass mir jemand den Gag erklärt. Aber, es scheint sich hier um eine wirklich ernst gemeinte Aussage zu handeln.

Den Wunsch an und für sich kann ich ja nachvollziehen. Beinahe jede Frau möchte einmal in ihrem Leben in diese wundervollen Stoffe gehüllt werden. Und den Tag, den viele als den Schönsten ihres Lebens bezeichnen auch wirklich erleben. Legitim, sich so was zu wünschen. Aber, irgendwie scheint mir hier was verkehrt. Das Kleid stellt alles in den Schatten. Und eigentlich wird nur geheiratet, weil eben dieses Kleid angezogen werden will. Die Braut will heiraten, damit sie in Weiss gehüllt traumtänzerisch durch den Tag gleiten kann. Der Bräutigam heiratet, um seiner Braut diesen Herzenskleiderwunsch zu erfüllen. Ist das wahre Liebe? Zum Kleid oder zum Menschen? Ich hoffe, dass es hält, was es verspricht. Das Kleid und die Beziehung.  Ich kann mir nicht verkneifen anzumerken, dass Weiss in vielen Ländern die Farbe der Trauernden ist. Und nicht die der sich Trauenden.

Parkbank

„Sepia“. Immer wieder. Das Wort, die fünf Buchstaben. Sie geistern durch ihren Kopf, seit sie ihnen zum ersten Mal begegnet ist. Es war während der Arbeit. Wieder mal plagte eine kreative Leere ihren sonst so wachen Geist. Wie so oft scrollt sie sich dann durch die unsinnigsten Suchbegriffe. Studiert Anmeldeformulare, für Ausbildungen, die sie wohl nie machen wird. Und stolpert dann, meist am Schluss der Exkursion, noch in irgendwelche Textwerkstätten. So auch dieses Mal. Ein Schreibwettbewerb … Das wäre doch eigentlich zu bewerkstelligen. Denkt sie. Thema? Kein Thema. Ein Wort. „Sepia“. Wie zum Teufel kommt jemand auf die Idee dazu einen Schreibwettbewerb zu veranstalten. Müssen ganz findige und kreative Kerlchen gewesen sein.

In Gedanken versunken stolpert sie durch den Park. Es ist noch früh. Der Sonntag grad so am Erwachen. Continue reading