Nachtschattengewächs

Abende wie diese sind gefährlich. Die Dämmerung taucht das Leben in dunklen Samt, black velvet. Und ebendiese Tatsache kann verheerend sein. Bin mit dem Auto unterwegs. Auf dem Gehsteig läuft ein alter Herr. Mit kleinen, schlurfenden Schritten. Leicht nach vorne geneigte Haltung. Als ob er zu müde wäre, um aufrecht zu gehen. Lange genug mit Rückgrat durchs Leben gewandert. Jetzt, im hohen Alter, darfs etwas nachlässiger sein. In der einen Hand hält er die Leine seines Hundes. Der kleine Kerl, pechschwarz, kugelig und kraushaarig trottet gemächlich vor seinem Herrchen (übrigens auch in ziemlich viel Schwarz gekleidet). Sehe aus dem Köpfchen des Hundes förmlich Gedankenblasen aufsteigen. Beide völlig in sich versunken. Sie überqueren die Einfahrt zu einer Tiefgarage. Just in dem Moment biegt ein Auto in dieselbe Einfahrt. Oh Gott! In mir drin zieht sich alles zusammen. Schrecksekunde. Der ganze Film läuft vor meinem geistigen Auge ab. Ich sehe, wie der Hund unter den Rädern verschwindet. Ich höre förmlich das gequälte Jaulen des Vierbeiners. Und den Schreckensschrei seines Besitzers. Der ungläubig auf die schlaffe Leine in seiner Hand blickt. Das Hündchen, es wird sein Leben in Abziehbildform weiterführen. Und ich zerfliesse vor Mitleid. Bis ich realisiere, dass der Mann eine Leine mit dieser Rückzugfunktion in der Hand hält. Genau im richtigen Moment hat er auf den Knopf gedrückt und seinen zotteligen Begleiter aus der Gefahrenzone befördert. Nicht ganz unsanft. Aber doch gerettet. Grinsen. Jetzt ist mir klar, warum viele ältere Menschen mit diesen kleinen Bodenwischern unterwegs sind. Stelle mir grad vor, wie eine ausgewachsene Bulldogge durch die Luft fliegt. Und Herrchen unter sich begräbt. Aber, das ist eine andere Geschichte.

Coitus interruptus

Er war da. Der grosse Tag. Endlich sollte das langersehnte Treffen stattfinden. Und wie immer vor einem wirklich wichtigen Termin dauert die Visite im Badezimmer etwas länger. Der prüfende Blick in den Spiegel ist eine Spur prüfender. Die Wimpern erhalten die doppelte Ladung Tusche. Damit im richtigen Augenblick der richtige Augenzwinker erfolgreich zum Abschluss führt. Natürlich will man nicht nur durch sein Äusseres beeindrucken. Aber es ist part of the game. Fein zurechtgemacht und mit einem dezenten Hauch Parfum bestäubt aus dem Haus. Ab ins Auto und auf die Bahn. Die Fahrt ist herrlich. Die Landschaft zeigt sich von ihrer hübschesten Seite. Malerisch. Sanftes Sonnenlicht überzieht den Flecken Schweiz mit einem wunderschönen Schimmer. Spiegelt sich im See, wie tausend funkelnde Diamanten. Wenn das mal kein vielversprechender Start in den Tag ist. Angekommen. Viel zu früh. Das gibt Gelegenheit, noch etwas durch das schöne Städtchen zu schlendern. Die morgenfrische Luft einatmen. Jede Zelle des Körpers jauchzt ob der erquickenden Energiezufuhr. Herrlich! Der Countdown läuft. Brust raus, Bauch rein. Zähne zeigen. Klingeln. Der Weg zum Ziel führt durch ein nostalgisches Treppenhaus. Geschmückt mit unzähligen Bildern. Gemalt von einem Sprössling der Sippe. Ich werde bereits erwartet. Das Empfangskomitee ist imposant. Drei an der Zahl. Drei gegen einen? Werde in einen Raum geführt und darf mich setzen. Auf die Idee, mir den Mantel abzunehmen kommt niemand. Bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn nachlässig über die Stuhllehne zu hängen. Und schon geht’s los. Eine Abhandlung des Noch-Stelleninhabers über die Arbeit. Ergänzungen vom Grand Segnieur persönlich. Wie wichtig die Funktion sei. Wie angesehen der Ruf, wie hervorragend die Kontakte. Jede seiner Aussagen schreit nach: Ich bin wichtig! Ich bin wer! Und wer bei mir sharpusa.com rein will, soll gefälligst auf die Knie fallen. Ich rutsche auf meinem Stühlchen hin und her. Blicke von einem zum nächsten und frage mich je länger je mehr, was ich denn hier mache. Der Redner hat geschlossen. Noch Fragen? Ja, dies und das. Wird mir in knappen Worten beantwortet. Und sonst? Gut, das wars dann. Ich sei natürlich nicht die Einzige. Und ich soll mich melden, falls ich nicht mehr interessiert sei. Aber sie würden sich noch vor Weihnachten entscheiden. Antritt Mitte März, spätestens. Gut, vielen Dank. Auf Wiedersehen. Und schon werde ich hinauskatapultiert. Stehe auf der Strasse und bin verwirrt. Das war wie ein schlechtes Quickie. Weder prickelnd noch inspirierend. Sondern eher etwas, das man angezettelt hat und mit Anstand und Würde hinter sich zu bringen versucht. Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack. Und ein blödes Grinsen über sich selbst. Wieder mal zu romantisch unterwegs? Mit dem Glauben an Liebe auf den ersten Blick? So muss sich ein Coitus interruptus anfühlen. Ein Anfang mit einem sehr abrupten Ende. Mit dem feinen Unterschied, dass diese Bettgeschichte im Berufsalltag und vollständig bekleidet stattfand.