In einer Nacht wie dieser

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In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Es ist eine dieser Nächte, bedrohlich schwarz.
Wie Tinte, aus der gewichtige Dokumente geschrieben sind.
Pergamentwichtig. Heute schreibt niemand mehr mit Tinte.
Alle Dokumente aus Tastatur getippt.
Einheitsbrei… auch in der Schreiberei.

In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Sie ist sperrig und wütend. Wind fegt durch die Strassen.
Lässt Fahnen verzweifelt flattern. Fensterläden klappern.
Türscharniere quietschen. Der Fluss bahnt sich seinen Weg.
Wie eine Lebensader aus dunklem Blut in dieser pechschwarzen Nacht.

In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Wolldeckenumhüllt fühlen, gerne jetzt gleich.
Trotz allem kriecht sie hoch, die Kälte.
Umschliesst mit ihren Klauen, klammert.
Bis kein Blut mehr fliesst. Keine Schritte mehr gehen. Kein Finger sich rührt.
Das einzige, was dreht und geht, sind die Gedanken.

In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Bedrohlich hat sie ihre Fühler ausgestreckt.
Verschlingt, was nicht niet- und nagelfest ist.
Frisst Herzensfreude, Lebenslust, lauleichte Sommerabende.
Schmeisst sich alles in den Rachen, was nach Leichtigkeit riecht.

In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Dann bleib doch daheim. Möchte man rufen.
Entzünde ein Feuer, das dich wärmt und nährt.
Kuschel dich ein und lass dich tragen.
Doch was, wenn die Nacht nicht draussen ist?
In der Welt. Sie in deinem Kopf wütet.

Irgendwann ist das Ungeheuer satt.
Rollt sich zusammen, verkriecht sich in die Ecke.
Dann weißt du: Es gibt auch die andere Nacht.
Die dich samtweich in Dunkelheit einhüllt.
Tröstend umschliesst, wie eine Mutter ihr Kind.
Das Dunkle zieht vorbei. Morgen kommt ein neuer Himmel.

Noch immer tabu?

Mittwochabend. Sonnenschein. 14. August 2019. Pulsfrequenz hoch. Der Verein Business & Professional Women hat eingeladen. Für ein Referat zum Thema Burnout. Was das mit mir zu tun hat? Nun, ich bin quasi die Expertin. Weil ich es selbst durchlebt habe. «Heute vor zehn Jahren, wird mir auf einmal bewusst. Es war genau heute vor zehn Jahren, am 14. August 2009, dass ich aus meinem Leben ausgecheckt und in die Klinik in Gais eingecheckt habe. Wie es dazu kam? Das erzähle ich den Augenpaaren heute Abend. Kein auswendig gelernter Vortrag, erlebte Realität. Und deshalb fällt es mir leicht, darüber zu sprechen. Die Worte sprudeln aus mir raus, wie sie es sonst nur beim Schreiben tun. Wie es dazu kam, ist die eine Seite. Wie ich aber zurück ins Leben fand, was ich heute anders mache, das scheint mir viel wichtiger. Und es ist die Geschichte, die ich erzählen will.  Continue reading

Wann verlieren wir diese Unbekümmertheit?

Balkonmorgen und Kaffeetrinken – mein Start in den Tag. Weil ich es mag, wenn die Vögel in vielen Sprachen zwitschern, der Nachthimmel dem Morgen Platz macht. Einzelne Wolken sich drapieren. So langsam, als ob sie sich erst den Schlaf von ihrem Watteleib schütteln müssten. Ein sanfter Sommermorgen. Eine Kinderstimme durchbricht die Vogelgezwitscherruhe.

«Mama, welchen Weg muss ich nehmen?»
«Lauf den, den wir immer gehen.»
«Und wie lange darf ich weg sein?»
«Eine halbe Stunde sollte reichen.»
«Mami, das Überraschungsei!»
«Was ist damit?»
«Das stoht ned uf em Ichoufszätteli.»
Die Stimme der Mama verrät, dass es in ihr schallend schmunzelt.
«Wenn das Geld reicht …darfst du dir natürlich eines kaufen.»

Das Mädchen, vielleicht fünf ist sie, hüpft die Treppe hinab. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht ganz wichtig und strahlend. In grosser Mission unterwegs. Ihre erste Einkaufstour auf eigene Faust, nehme ich an. Der Weg, den sie einschlägt, führt direkt zum Coop, hier bei uns im Quartier. Erfrischend, wie viel Freude in ihr steckt. Die Freude darüber, dass sie zum ersten Mal für die Familie einkaufen geht. Alleine. Die Freude darüber, dass ihre Mama ihr das zutraut. Die Freude darüber, schon so gross und selbständig zu sein. Keine Spur von Zaghaftigkeit. Ein Ausbund an Neugier. Ich blicke ihr nach, wie sie da auf ihren kurzen Beinchen, mit fliegenden Zöpfen, ihrem Ziel entgegen marschiert.

Mit Neugier und Vertrauen Neues entdecken. Das steckt in uns drin. Ganz tief. Doch irgendwann, unterwegs auf dem Lebensweg, da dümpeln diese Eigenschaften oft träge vor sich hin. Man entdeckt zwar immer noch. Doch oft ist das Neue, die Neugier von Respekt begleitet. Manchmal gar von Angst. Wird alles gut gehen? Was, wenn ich das nicht kann? Wie wird es sein? Fragen, auf die es keine Antwort gibt, vermiesen uns die Vorfreude. Statt uns einfach dem hinzugeben, was auf uns zukommt, möchten wir schon im Voraus wissen, ob es denn gut wird. Ob wir schaffen, was wir uns vorgenommen haben. Ob es eine Garantie dafür gibt, dass die Mission gelingt. Wann genau macht das unbekümmerte Wesen dem «Ich will alles sicher wissen» Platz? Und verhindert dadurch so manches Abenteuer? Wann beginnt Mensch, für jedes und alles eine Garantie zu wollen und schliesst Versicherungen ab, bis zum Geht nicht mehr? Warum verharren so viele Menschen in einem Zustand, Tag für Tag die gleiche Routine? Anstatt die Wunder des Lebens auszukosten, so wie das kleine Mädchen?

Ich kenne sie auch, diese Fragen und Zweifel. Wer mir nahesteht, weiss: Darin bin ich manchmal Weltmeister. Aber sie hindern mich nicht daran, trotzdem loszulaufen. Die Ungewissheit bläst mir ihren heissen Atem in den Nacken. Ich gebe mich ihr hin und halte die Hitze aus. Ruhig im Feuer stehen, wäre das Ziel. An manchen Tagen klappt es wunderbar. Manchmal wird ein Ringeltanz daraus. Das neugierige Ding in mir ist aber trotzdem immer stärker. Es hat schon viele Schlachten ausgetragen. Ist aus manchen verwundet hervorgegangen. Die Narben verheilen, bleiben als «Orden» zurück. Mit jedem Mal, wenn ich den Sprung ins Bodenlose wage, lerne ich besser zu fliegen. Ich bin weit davon entfernt, eine Meisterseglerin zu sein. Aber ich bin eine gute Flugschülerin, die einfach dranbleibt. Und zwischendurch wieder aufsetzt, um durchzuatmen. Die Momente, in denen ich denke: «Ach Mädel, was machst du dir wieder für einen Kopf», habe ich anzunehmen gelernt. Ohne mich davon ausbremsen zu lassen. Weil ich einfach glaube, dass wir es dem Leben schuldig sind. Mit mehr Leicht-Sinn unterwegs zu sein und so aktiv gegen die Schwerkraft zu wirken.

Muss ich reich sein, um Gutes zu tun?

«Hesch mer drüü Stutz? Ech sägs grad ehrlich. Bruuche das Gäud för ‚nes Bier.»

Er steht leicht schwankend vor mir… Wie eine Eiche, die sanft vom Wind gewiegt wird. Eine Eiche hat kräftige Wurzeln. Die, so scheint es, hat er verloren. Einer von der Strasse, offensichtlich. Mit seinen Worten schwappt eine Alkoholfahne in mein Gesicht. Seine Augen bittend auf mich gerichtet hält er mir die offene Hand hin. Ich lege ihm einen Fünflieber hinein.
«Es ist vermutlich nicht die Lösung. Aber wenn es dir im Moment hilft, dann gerne.»
Das Leben rauscht rechts und links an uns vorbei. Während in unserer Blase drin die Zeit kurz stillsteht. Das scheint ihm aufzufallen.
Er mustert mich und meint: «Ach, wahrscheinlich hast du ja gar keine Zeit, mir zuzuhören. Tut mir leid!»
Worauf ich ihm entgegne: «Ich habe heute schon so viele Züge und Busse verpasst. Da kann ich mir den einen auch noch entgehen lassen.»
Sein Gesicht leuchtet. Und die Worte stürzen aus seinem Mund. Binnen weniger Minuten stecke ich mittendrin in seiner Lebensgeschichte. In seinem Schicksal. Es ist manchmal ein mieser Verräter, dieses Schicksal. Ich stehe da, lausche ihm. Wie er aus der Umlaufbahn geworfen wurde. Wir beide, im geschäftigen Bahnhofstreiben, eingepackt in seine Geschichtenblase. Irgendwann hat er seine Worte aufgebraucht. Schweigen. In seinem Kopf scheint es zu rotieren.
Auf der Suche nach den passenden Worten: «Ich würde dich jetzt gerne umarmen. Aber wahrscheinlich stinke ich dir zu fest.»
Seine Offenheit ist erfrischend. Erreicht mein Herz in Lichtgeschwindigkeit. Ich lache innerlich schallend und schmunzle ihn leise an: «Natürlich darfst du mich umarmen.»
Ich schliesse ihn in meine Arme. Er, der Hühne, lehnt sich an mich. Für einen kurzen Moment nur. Dann lässt er mich los und meint: «Danke dafür.» Er holt nochmals zu einer Erklärung aus … dreht sich weg und schwankt davon.

Ich bleibe stehen. Verwurzelt in diesem Moment. Solche Begegnungen berühren mich immer wieder tief. Wie sehr unterscheidet sich dieses Leben von meinem? Wie sehr unterscheidet sich dieses Leben von dem, was in den Sozialen Medien gepredigt wird? «Mindset ist alles. Da wo du deinen Fokus hast, geht die Energie hin. Wie du innert Kürze reich wirst.» Es gibt viele Parolen dazu, wie man sich auf Erfolg trimmt. Dann wäre dieser Mensch offensichtlich einer, der versagt hat. Doch, ist die Antwort wirklich so einfach? Ich frage mich einen leisen Moment, warum gewisse Menschen ihr Schicksal meistern und andere auf einmal vom Leben gelebt werden. Die Antwort wird philosophisch bleiben … Doch eines weiss ich mit Sicherheit: Es steht mir in keiner Sekunde zu, diesen Menschen, den das Leben offensichtlich gebeutelt hat, zu beurteilen. Was mir aber zusteht ist, ihm mit Mitgefühl zu begegnen. Ein Wert, der – so scheint es mir – nicht mehr so gross in Mode ist.

Wie oft las ich in den letzten Monaten: «Ich will Millionär/in werden, um Gutes zu tun.» Da frage ich mich echt und ehrlich, braucht es dazu die Million? Oder kann man vorher schon damit beginnen? Ich glaube ja. Der innere Reichtum hat nichts mit Zahlen zu tun. Sondern damit, wie erfüllt und dankbar man die Fülle wahrnimmt, in der ein ganz grosser Teil von uns bereits lebt. Und die kann man teilen, ohne einen Franken auszugegeben.

Zeit, ein offenes Ohr, ein offenes Herz und einem Menschen auf Augenhöhe begegnen, der das vermutlich nicht mehr so oft erlebt. Ihn mit Würde und Respekt behandeln, egal in welcher Situation er sich befindet. All das ist kostenlos. Aber ganz und gar nicht umsonst. Und es macht reich, echt!

Ist dein innerer Buddha auch ein Seiltänzer?

Kennst du das? Die E-Mail ploppt auf und in der gleichen Sekunde rast das Herz in Richtung Maximalpuls. Nicht vor Freude, sondern weil dich der Inhalt aus deiner inneren Mitte bringt. Terminpläne lösen sich innerhalb von zwei Sekunden in Luft auf. Projekte fliegen dir in Lichtgeschwindigkeit um die Ohren. Vom Regisseur – zum Statisten, auch in Lichtgeschwindigkeit. Yes! Du bist Meisterin der Spontaneität, absolut! Wenn es um deine freie Zeit geht.

In deinem Arbeitsleben, da magst du Struktur. In der Zusammenarbeit mit anderen schätzt du Verlässlichkeit. Da bist du der echte Buchhalter. Warum? Weil geplante Zeitfenster für bestimmte Projekte deinen Kopf befreien. Zeitfenster, die dieser einen Welt, diesem einen Auftrag versprochen sind. Du tauchst ein und kommst erst wieder an die Oberfläche, wenn du den ganzen Grund abgegrast hast. Das der Wunsch. Die Realität sieht so aus, dass sich Zeitpläne ändern – nicht deine. Die von anderen. Alles legitim und wunderbar, sofern du darüber informiert wirst. Sitzt du da und wartest vergeblich auf was kommen sollte …

… entwickelt sich folgendes Schauspiel. Du beobachtest deinen inneren Buddha, wie er da auf dem Seil balanciert. Sich mit Müh und Not oben hält, bedenklich schwankt und … fällt. Er klammert sich mit einer Hand, schweissnass, ans Drahtseil. Mit verbissener Vehemenz. Scheisse! Die Teufel in dir drin tanzen Samba und bereiten das Fegefeuer vor. Was an Verzögerungen schlimm ist? Nüchtern betrachtet – nichts! Du kannst dich um das nächste Projekt kümmern. Bloss fällt es manchmal schwer, solche Ereignisse nüchtern zu betrachten. Du schaust sie nicht besoffen an, aber mit gewissen Gefühlen verbunden. Was jetzt? Darum bitten, in Zukunft gerne über verschobene Termine informiert zu werden? Genau! Du schreibst die Mail mit einem Druck in der Kiefermuskulatur, die wahrscheinlich jedem Charcharodom megalodon* Angst gemacht hätte. Falscher Ansatz, denkt dein Buddha. Der ist hartnäckig. Rappelt sich hoch und stellt sich aufs Seil. «Ok, das was kommen sollte, kommt nicht. Ich widme mich jetzt was anderem.» Der Tag vergeht, im Flow und mit der Gewissheit, dass du diesen Flow am nächsten Tag wieder aufgreifst, die Welle reitest. Das wäre ja gelacht! «Hier die versprochenen Unterlagen von gestern, gerne bis heute Abend zurück.» Dass deine Tagesplanung was anderes vorgesehen hat, weiss dein Gegenüber nicht … Heute, heute gewinnt der Buddha. Einatmen, ausatmen, loslassen … Ganz einfach loslassen. Geht ja! Und dann realisierst du: Deine Beckenbodenmuskulatur ist nicht mehr das, was sie einmal war … ;-)

* Der fossile Urahn des Weissen Haies, der Carcharodon megalodon, hat seine Beute mit bis zu 18,2 Tonnen Beisskraft zermalmt.

 

Darf ich dir das Tschüss anbieten?


Menschen, die nur nehmen und nie geben.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Schlechte Gewohnheiten, die an dir kleben.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Personen, für die du lediglich Zeitvertrieb bist.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Dinge mit «ich muss» auf deiner Bucketlist.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Tage gefüllt mit schwarzen Gedanken.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Dein inneres Motzen und mit dir Zanken.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Den Kampf ums letzte Kilo auf der Waage.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Sinnlose Gespräche über die Wetterlage.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Alles, was dich irgendwie zu Boden zieht.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Dein Spiegelbild, das dich missbilligend ansieht.
Darf ich dir das Tschüss anbieten?
Du darfst. Denn es ist dein Leben.
Hau rein, mach dich schmutzig, verursache Herzbeben.
Sei mal laut oder leise, wild oder zahm.
Lebe einfach drauflos, ganz ohne Scham.
Falls die dein Tschüss nicht versteht,
tritt ihr in den Arsch. Bis sie freiwillig geht.

Weihnachten

Weihnachten ist das Fest der Liebe.
So war es gedacht und so wurde es lange gemacht.
Ich erinnere mich mit Freuden daran.
An den Abend, an dem das Christkindli kam.
Die Tür zum Wohnzimmer war für uns tabu.
Wir sassen in unseren Zimmern und fanden keine Ruh.
Gespannt lauschten wir den Geräuschen dort.
Bloss nichts verpassen, zur rechten Zeit am rechten Ort.

Irgendwann klingelte ein helles Glöcklein.
Wir huschten in die Stube, auf unseren Söcklein.
Da stand er dann, der Weihnachtsbaum.
Und leuchtete, es war ein Traum.
Geschenke gab es auch bei uns daheim, na klar.
Immer waren es Dinge, nützlich und unkaputtbar.

Und jetzt, steh ich so da, beobachte das Treiben.
Sehe Kindergesichter an Schaufensterscheiben.
Dies darf es sein, das bitte auch
und dann noch was Kleines obendrauf.
Menschen rennen gehetzt durch den Tag.
Alles erledigen, besorgen, kaufen auf einen Schlag.
Der Weihachtsbaum soll gross und mächtig sein.
Die Geschenke zahlreich und sicher nicht klein.

Es geht hü und hott, vorwärts, marsch flott.
Keine Zeit für einen gemächlichen Trott.
Man ist gereizt und von Reiz überflutet.
Es blinkt und leuchtet, es funkelt und tutet.
Und dann ist es da, das Fest der Liebe und des Ruhens.
Manch einer am Arsch und ziemlich neben den Schuhen.
Heute da, morgen dort, jeden Tag an einem anderen Essen.
Warum man es tut, hat manch einer vergessen.

Ich sitze so da und beobachte das Treiben.
Mag es, in meinem kleinen Kreise zu bleiben.
Denn Weihnachtszeit ist das Fest der Liebe.
Und da wünsch ich mir, dass es immer so bliebe.
Nicht die Geschenke, der Baum im Mittelpunkt.
Ein bisschen weniger von all dem Prunk.
Und dafür wieder mehr von echter Aufmerksamkeit.
Verteilt aufs ganze Jahr und nicht nur bei einer Gelegenheit.

Heute ist nicht alle Tage …

Ein stinknormaler Morgen. Du stehst auf.
Bist noch etwas zerknittert, nicht so gut drauf.
Ein bisschen Morgenmief unter der Achselhöhle
Alles im Grünen, soweit. Wozu gibt’s Aromaöle?

Dann setzen sich deine Gedanken aufs Karussell.
Drehen ihre Runden. Ganz schnell.
Ganz nach dem Motto: Da bewegt sich zwar was,
bringt dich mit Sicherheit nicht weiter, macht keinen Spass.
Dein Hirn spielt Pingpong und du bist Zuschauer
in diesem leidigen Spiel, von manchmal langer Dauer.

Zu deinem Spiegelbild motzend «Ich bin heute nicht gut drauf.»
«Was ist los? Wo klemmts, brauchst du einen Einlauf?»
«Ach hör doch auf, mir ist nicht nach Plaudern.»
«Echt so schlimm?», meint dein zweites Ich mit Schaudern.

«Halt doch die Schnauze, das geht dich nichts an!»
«Raus mit der Sprache, du erstickst noch daran.»
«Da hat mich einer vorhin so doof angeglotzt.»
«Was guckst du so blöd, hab ich ihn angemotzt.»

«Fette Kuh», hat der bestimmt gedacht.
Kaum umgedreht, ins Fäustchen gelacht.
«Spinnst du, du bist doch nicht dick!
«Also manchmal hast du echt einen Tick.»

«Dann hab ich von ‘nem Kunden eine Mail bekommen.
Lass uns reden … ich bin noch immer benommen.
Mein Herz ist knieftief gesackt.
Bestimmt hab ich irgendwas verkackt.»

«Geht’s noch? Du verbockst doch nie was!»
«Vor zwei Jahren hab ich geliefert, da war ich kein As.
«Vor zwei Jahren? Und dazwischen, alles im Grünen?
Du suchst echt die Schneeflocke in den Sanddünen.»

«Und dann ist da noch dieser neue Kunde
bin sicher nicht gut genug und es gibt ‘ne Extrarunde.»
«Nicht gut genug? Und warum wählt er dich dann?»
«Bin bestimmt die Einzige, die grad kann.»

So sitzt du da. Dein Ego fährt Schlitten mit dir.
Dein Verstand dreht bald durch, ist beinahe irr.
Das Selbstvertrauen sitzt in der Ecke, gekrümmt vor Scham.
Zerschrammt, zerzaust, wie jemand, der aus einer Schlacht kam.

Und dann klingelt das verdammte Telefon.
Am Ende der Leitung genau die Person,
die angedroht hat, mit dir reden zu wollen.
Dein Magen antwortet mit lautem Grollen.

Dein Mund spricht: «Ach, schön dich zu hören.»
«Hoffe, du hast Zeit. Will dich nicht lange stören.
Wir haben da was, ein grosses Projekt.
Beim letzten Mal, da lief das einfach perfekt.
Können wir das wieder durchziehen, etwa im gleichen Stil?»
Du gibst ihm dein Wort: «Na klar, das ist mein Ziel.»

Dann legst auf. Verfällst in hysterisches Lachen.
Bist auf einmal hundemüde, vom vielen Sorgen machen.
Wie ein Ballon ohne Luft hängst du im Stuhl
Schwörst dir: «Nächstes Mal bleibe ich kuhl.
Nie mehr torpediere ich mich selbst so.
In Zukunft bin ich einfach glücklich und froh.

Das kleine Gewohnheitstierchen, die Miene verdüstert
und hämisch grinsend dir ins Ohr flüstert:
«Heute ist nicht alle Tage.
Ich komm’ wieder, keine Frage.»

Nicht dein Tag?

Dieser Moment, wenn du frühmorgens barfuss in den Garten tapst und spürst, dass da etwas unter deiner Fusssohle klebt, das sich nicht nach Gras anfühlt und im nächsten Augenblick weisst: Du bist auf eine Nacktschnecke getreten.

Dieser Moment, in dem du schwungvoll die Kaffeetasse anhebst, deinen Mund um einen Millimeter verfehlst und die braune Flüssigkeit sich über dein weisses T-Shirt verteilt.

Dieser Moment, wenn du dich unter die Dusche stellst, den Wasserhahn aufdrehst und vergessen hast, dass du gestern Abend die Wanne brühend heiss ausgespült hast.

Dieser Moment, in dem du dich voller Elan in deine Lieblingshose stürzen willst und aus dem Stürzen ein reinzwängen wird.

Dieser Moment, wenn du das Mascara-Bürstchen ansetzt um Great Lashes zu zaubern und du die Borsten stattdessen mitten im Auge platzierst.

Dieser Moment, wenn du aus dem Haus gehst und feststellst, dass du alles verschwommen siehst, obwohl du die Kontaktlinsen eingesetzt hast. Dem Grund Sherlock Home-mässig auf die Schliche kommen willst und dann feststellst: Da sind zwei Linsen in einem Auge.

Dieser Moment, wenn du mit deinem Fahrrad zum Bahnhof fliegst, jedem Profi-Zeitfahrer seinen Titel streitig machen würdest, um dann festzustellen, dass du nur noch die Rücklichter des Zuges siehst.

Dieser Moment, in dem du durch die Strassen der Stadt läufst, den Himmel bestaunst und just in dieser Sekunde in Hundekacke trittst.

Dieser Moment, wenn du ins Büro kommst, dich zur Kaffeemaschine schleppst und realisierst: Der Kaffee ist alle.

Dieser Moment, wenn du den Rechner hochfährst und dein Passwort nicht mehr eingeben kannst, weil der Buchstabe «i» deiner Tastatur defekt ist.

Dieser Moment ist der Moment, in dem du weisst: Der Regisseur des heutigen Tages war besoffen und das Leben spielt nicht dein Lieblingslied.

ABER, du tanzt trotzdem. Und auf einmal gefällt dir die Melodie. Weil du feststellst: Dieser Tag war ein weiterer Tag in deinem herrlich unperfekten perfekten Leben.