Im Reich der Giganten

Patentante bin ich. Gleich drei Mal. Jedes einzelne meiner Patenkinder liebe ich auf seine oder eben meine Weise heiss und innig. Und, ich gebe mir Mühe ein verdammt gutes Gotti zu sein. Was mir wohl nicht immer gelingt, wenn man “ein gutes Gotti sein” an gewissen Attributen misst. Wenn “gut” mit einer Anzahl von Schlummernächten in meinem trauten Heim, Babysitter-Diensten oder ähnlichem bewertet, dann bin ich unten durch. Stehe vermutlich an der zweitletzten Stelle von der Bestenliste. Aber … ich gebe mir Mühe und nehme mir Zeit. Und verbringe Zeit. Manchmal erfülle ich auch Wünsche, die mir unsinnig und nicht altersgerecht erscheinen. Ich schalte dann einfach mein dauerrotierendes Hirn auf “stumm” und begebe mich in Gefahr. So auch in diesem Fall. Meine leise Vorahnung wird sich schon bald bewahrheiten. Continue reading

Ohne Worte

Bist du schon mal Achterbahn gefahren? Ja? Du sitzt in diesem kleinen Wägelchen. Festgeschnallt. An einem kleinen, blöden Sicherheitsbügel, natürlich TÜV geprüft, hängt dein Leben. Das Gefährt ruckelt ganz langsam die Schiene hoch. Der Wind säuselt um dein Gesicht und flüstert Fieses in deine Ohren. Meist höre ich dann noch irgendwo ein verdächtiges Geräusch. Mein Puls jagt in die Höhe. Rundherum – bodenloses Nichts. Ich klammere mich an den Bügel. Und schicke Stossgebete in die Wolken. Viele angespannte Gesichter, auch freudige erregte. Angekommen auf dem höchsten Punkt (nicht zu verwechseln mit dem Höhepunkt). Der Atem stockt und … dann donnert dieses kleine Scheissding in die Tiefe. Die Magensäfte bewegen sich gegengleich in die Höhe und die Gesichtszüge entgleiten. Und mit ihnen jegliche menschliche Zurückhaltung. Ein G … folgt aufs nächste: Geschrei, Gekreisch, Gejohle, Gequietsche. Als gäbe es kein Morgen und den Preis für die Dezibel reichste Darbietung zu gewinnen. Eigentlich bin ich nicht so scharf auf Achterbahnen. Mein Leben beschert mir so schon genug Höhen und Tiefen. Und mit Adrenalin werde ich auch reichlich versorgt. Dass die Gesichtszüge der Schwerkraft folgen, bringen die Jahre so mit sich. Also sehe ich nicht ganz ein, warum ich dafür dann Geld ausgeben soll. Trotzdem – hin und wieder lass ich mich breitschlagen. Und überwinde mich. Um dann, voller Stolz, zerzauster Frisur und sauren Magensäften aus der Klapperkiste zu steigen: Yes! I did it! Denn, wenn ich etwas nicht mag, dann mein Leben in die Hände von technisch gesteuerten Geräten ohne Bodenkonktakt geben. Das fängt bei der Achterbahn an und hört beim Flugzeug auf. Diese Dinge sind mir suspekt. Und trotzdem setze ich mich ihnen hin und wieder aus. Mehr oder weniger freiwillig. Spannend an solchen Aktionen ist jedoch, dass ich dann einen ungeheuren Lebenshunger, eine wahnsinnige Dankbarkeit für all das was ich bin und habe und tausend gute Vorsätze entwickle. Binnen Sekunden kann ich im Kopf ein ganzes Buch schreiben. Die Gedanken rattern. Für alles andere bleibt keine Energie. Einfach, weil ich so mit Angst haben beschäftigt bin, dass ich vollkommen ruhig und sprachlos werde. Schon beinahe apathisch – für mein Wesen also ziemlich ungewöhnlich. Wärs möglich, dass man mich deswegen hin und wieder mit auf die Achterbahn oder in ein Flugzeug nimmt?

what’s up?

Guten Morgen. Ich wünsche dir einen tollen Tag! Gute Nacht. Ich wünsche dir schöne Träume. Nein, heute kann ich nicht. Bin grad besetzt. Gruss. See u nxt wk. Geht nicht. Bin 20 Minuten zu spät. Stehe im Stau. Kommunikation in der Sackgasse? Denk ich manchmal. Ich nehm mich davon ja nicht aus. What’s up hat uns nochmals ein Stück wortkarger gemacht. Zumindest, was die Anzahl mitgeteilter Buchstaben anbelangt. Aber, dafür wird es umso spannender, zwischen den Zeilen zu lesen. Steht da “Gruss” anstelle des gewohnten “lieber Gruss” … dann kann beim Empfänger aus einem Zweizeiler ein ganzes Gedankenbuch entstehen. Zumindest, wenn er analysierend und sensibel veranlagt ist. Eine herrliche Kombination! Darum; auch das Schreiben von what’s up Nachrichten kann mit Bedacht getan werden. Damit der Empfänger sich nicht automatisch fragt: what’s up?

 

Lebensatem …

… manchmal ist er wohlriechend. Und manchmal stinkt er zum Himmel. 
Manchmal ist er süss. Manchmal unendlich bitter. 
Hin und wieder salzig, um unvermittelt ins Fruchtige zu wechseln.
 Alsdann unendlich lieblich mit einem sanften Abgang. Der Lebensatem.
Ausweichen geht nicht. Ansonsten müsste man sich aus dem Leben raushalten.
 Doch, wer will das schon? Also, atmen wir in allen Facetten.
 Und schauen, dass uns der Schnauf nicht ausgeht.


Abgespritzt

Ein warmer Lufthauch weht vom See. Er wirbelt die Sandkörnchen auf und lässt sie in der Luft tanzen. Wie tausend glitzernde Diamanten wirbeln sie umher. Ist da nicht sogar ein vergnügtes Kichern zu vernehmen? Irgendwann, vom feurigen Tango ermüdet, lassen sie sich auf mir nieder. Die milde Morgensonne hat sie erwärmt, die Körnchen. Sie schmiegen sich in jede Ritze, jeden kleinsten Spalt. Ach, wie lange musste ich auf diese ersten Sonnenstrahlen warten! Eingepfercht in mein Winterkostüm harrte ich der Dinge. Im Wissen, dass mein Tag wieder kommen wird. Und jetzt – ist er da! Ein buntes Gewirr von Stimmen um mich. Täusche ich mich oder klingt das Lachen um einen Ton heller, leichter? Mädchen in kurzen Röcken flirten mit den Sonnenstrahlen. Werfen kokett ihr Haar in den Nacken. Verstohlen beobachtet von pubertierenden Jungs, die vor Scham erröten, wenn sie sich ertappt fühlen. Um nur Sekunden später doch wieder einen Blick zu riskieren. Die Luft flirrt und knistert. Kinderlachen, Wasserplantschen, Bienensummen. Die ganze Welt in neue Farben gehüllt. Es scheint, als hätte jemand über Nacht mit einem Pinsel ein neues Gemälde erschaffen.  Continue reading

Buhfrau – die Klotesterin

Teneriffa wir kommen. Endlich, endlich Urlaub. Der letzte liegt immerhin schon fast ein Jahr zurück. Vorfreude riesig. Die Anreise über Basel gemütlich und völlig Problemlos. Nach vier Stunden Flug (und ich schon ganz hibbelig, weil Stillsitzen so schwer fällt) landen wir. Noch schnell zur Toilette um das Bidon aufzufüllen. Ein kleiner Schluck – umgehend wieder ausgespuckt. Läck, ist das eklig. Ich mache mir aber keine weiteren Gedanken. Habe aber gestern einer Freundin von meinem Urlaubserlebnis erzählt und wurde ziemlich süffisant gefragt: „Warum tragen wohl alle Spanier Unmengen von Wasser, abgefüllt in Kanister, durch die Gegend?“ Zerknirscht muss ich zugeben: „Weil das spanische Wasser schlicht und einfach ungeniessbar ist. Zum einen schmeckt es nach abgestandener Hallenbadfüllung. Zum anderen ists manchmal mit fiesen Nebenwirkungen versehen.“ Am Flughafen ignoriere ich diese Tatsache gefliessentlich (fliessen wird noch vieles). “Habe ja schliesslich die 6 Wochen Nepal als Einzige ohne irgendwelche Beschwerden überstanden …” Falsch gedacht. Das Grummeln setzte bereits beim Abendessen ein. Und dann wars richtig fies. Die ersten zwei Tage bin ich einen Marathon gelaufen. Von Klo zu Klo. Dabei wollte ich doch eigentlich Rennrad fahren und nicht Laufeinheiten absolvieren. Ich hab mich noch nie so Scheisse (im wahrsten Sinne des Wortes) gefühlt. Hier muss ich den Tinerfenos ein Kränzchen winden. Sanitäre Anlagen sind zu Hauf vorhanden. Haben sie sich da wohl an den Bedürfnissen bedürftiger und leichtsinniger Touristen orientiert? Eine Marktlücke geschlossen, sozusagen. Ab Tag drei war mein Grind härter als mein Magen. Flüssiges ging wieder einigermassen und wir haben uns aufs Rennrad gesetzt. Erst noch etwas verhalten. Aber dann gings richtig rund. Läck, die Insel ist ein Traum. Ich habe mich in diese eigenwillige Schönheit verliebt und jeden einzelnen Höhenmeter (davon hats ganz viele) genossen. Nach vielen Sonnentagen geht’s heim. Taxi zum Flughafen. Und dann … geht nichts mehr. Nachdem wir Zeit hatten, sämtliche Kacheln des Flughafens zu begutachten, kriegen wir endlich Infos.  Dass wir unseren Heimflug erst einen Tag später als geplant antreten können, nehmen wir schulterzuckend zur Kenntnis. Western union agent Also wieder raus aus dem Flughafen. Rein in den Bus. Aber, erst noch eine Flasche Wasser kaufen. Frau weiss ja schliesslich, dass das Ding mit dem Leitungswasser in die Hosen gehen kann.

Alles Gruzz oder was?

Hin und wieder, ganz selten, krieg ich Mails. Nein, Mails krieg ich oft. Aber das was am Ende der Nachricht steht ist hin und wieder, ganz selten, ganz eigenartig. Oder empfinde ich es einfach so? Weil ich old-fashioned und so was von gestern bin? Ich bin nicht schlüssig. Frage mich aber doch, was besonders cool daran sein soll, wenn jemand anstelle von „Gruss“ ein „Gruzz“ zum Abschied setzt. Da fallen mir ähnliche hübsche Wörter ein, die ja wohl auch so umbenannt werden müssten. Ein Beispiel gefällig? Wie wär’s mit Fuss oder eben dann Fuzz. Aus Respekt vor der Menschheit und um sämtlichen Klagen wegen sexueller Belästigung vorzubeugen, bleib ich dann doch lieber bei meiner alten Ausdrucksweise und grüsse herzlich.

Nachtschattengewächs

Abende wie diese sind gefährlich. Die Dämmerung taucht das Leben in dunklen Samt, black velvet. Und ebendiese Tatsache kann verheerend sein. Bin mit dem Auto unterwegs. Auf dem Gehsteig läuft ein alter Herr. Mit kleinen, schlurfenden Schritten. Leicht nach vorne geneigte Haltung. Als ob er zu müde wäre, um aufrecht zu gehen. Lange genug mit Rückgrat durchs Leben gewandert. Jetzt, im hohen Alter, darfs etwas nachlässiger sein. In der einen Hand hält er die Leine seines Hundes. Der kleine Kerl, pechschwarz, kugelig und kraushaarig trottet gemächlich vor seinem Herrchen (übrigens auch in ziemlich viel Schwarz gekleidet). Sehe aus dem Köpfchen des Hundes förmlich Gedankenblasen aufsteigen. Beide völlig in sich versunken. Sie überqueren die Einfahrt zu einer Tiefgarage. Just in dem Moment biegt ein Auto in dieselbe Einfahrt. Oh Gott! In mir drin zieht sich alles zusammen. Schrecksekunde. Der ganze Film läuft vor meinem geistigen Auge ab. Ich sehe, wie der Hund unter den Rädern verschwindet. Ich höre förmlich das gequälte Jaulen des Vierbeiners. Und den Schreckensschrei seines Besitzers. Der ungläubig auf die schlaffe Leine in seiner Hand blickt. Das Hündchen, es wird sein Leben in Abziehbildform weiterführen. Und ich zerfliesse vor Mitleid. Bis ich realisiere, dass der Mann eine Leine mit dieser Rückzugfunktion in der Hand hält. Genau im richtigen Moment hat er auf den Knopf gedrückt und seinen zotteligen Begleiter aus der Gefahrenzone befördert. Nicht ganz unsanft. Aber doch gerettet. Grinsen. Jetzt ist mir klar, warum viele ältere Menschen mit diesen kleinen Bodenwischern unterwegs sind. Stelle mir grad vor, wie eine ausgewachsene Bulldogge durch die Luft fliegt. Und Herrchen unter sich begräbt. Aber, das ist eine andere Geschichte.

Ein orange-weisser Übeltäter

Was so ein orange-weisses Verkehrssignalisationshütchen oder eben Strassensperrkegel alles anrichten kann. Unglaublich. So simpel in der Form. Kein Designelement. Und doch achten alle darauf. Wenn es wo steht, dann weiss jeder Autolenker, dass da nicht durchgefahren werden sollte. Weil sich dahinter für Lenkende meist Unangenehmes (Baustellen, Baugruben, Schlaglöcher, offene Schachtdeckel und andere nette Dinge) befindet. Solange es steht, ist es sinnvoll, hilfreich und sorgt für Ordnung (nicht alles was steht hat per Definition diese Funktion …).

Wenn das Teil aber über den Boden kullert. Ui, dann bricht das Chaos aus. Gehört auf DRS drü. Verkehrsmeldung. Irgendwo zwischen Reiden und Basel kugelt ein Kegel durch die Gegend und verursacht Kilometer lange Staus und Verkehrsbehinderungen. Weil, einfach anhalten, auf die Strasse laufen und das Ding zur Seite räumen, geht wohl nicht. Ausser, jemand legt es darauf an, (in flachgepresster Abziehbildform liebevoll auf eine Pappwand aufgezogen) zum Ritter der Strasse gekürt zu werden. Ich hab mich grad eben gefragt, ob der orange-weisse Übeltäter schon beseitigt ist, oder immer noch für Chaos sorgt.

Insofern ist einmal mehr belegt, dass jede Sache zwei Seiten hat.

Morgenstimmung

Ohhhhhhhhhhhhhhhh. Ich liebe diese Art von Morgen. Komme eben von meinem gemütlichen Morgenrun zurück. 50 Minuten locker durch die dunklen Strassen traben. Dem Tag beim Erwachen zusehen. Beobachten, wie die Welt langsam Konturen bekommt. Die Sonne ganz schüchtern durch feine Nebelbänklein guckt. Die Luft ist klar. Kristallklar. Beisst in den Lungen und lässt die Beine kribbeln. Die Frische des Morgens erweckt sämtliche Lebensgeister. Und wenn ich sage sämtliche, dann mein ich das auch so. Deshalb … muss ich jetzt erst mal aufs stille Örtchen.