Spiegelbilder

Special Effects zieren den Himmel. Unzählige Wolken in facettenreichen Grautönen lassen es regnen. Der Wind rauscht durch die Blätter und die Grashalme wiegen sich im Takt. Ein missmutiger Tag, der viele in ihren Wohnungen behält. Ein paar wenige nur, die ihm trotzig die Stirn bieten und sich aufmachen, die Natur trotzdem, oder gerade deswegen, zu geniessen. Ich selbst mag graue Tage. Weil sie dazugehören. Weil es auch den Regen braucht, dass die Natur gedeiht. Dass Blätter saftig grün strahlen, die Blumen in die Höhe schnellen.

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Phoneless

Was ist Heimat? Wo ist Heimat? Ist Heimat an einen Ort gebunden? An Menschen? Oder trägt man die Heimat im Herzen? Was veranlasst Menschen, ihre Heimat zu verlassen und in einem anderen Teil der Welt ein «neues» Leben auf die Beine zu stellen?

«Neu» schreibe ich darum in Anführungszeichen, weil es ja nie komplett neu ist. Sich selber nimmt man mit. Continue reading

Dem Leben einen Wert geben

Ein schwerstbehindertes Kind knallt in mein Leben wie ein Meteorit. Es strahlt heller, als alle Lichter einer grossen Sadt bei Dunkelheit. Funkelnder, als alle Sterne, die gemeinsam den Himmel schmücken. Das Mädchen taucht die Welt in ein seeliges Licht und lässt mich glauben, dass demnächst Engel vom Himmel steigen, Cherubim und Seraphim – mich mit ihren Flügeln sanft umschliessen.  Continue reading

Reste essen

Freitag war Wähentag. Immer. Mittags oder zum Znacht stand Wähen auf dem Speiseplan. Ich mochte diesen Fleischlosfreitag. Wenn wir nach der Schule hungrig und müde zur Tür hereinstolperten, umhüllte uns ein unglaublicher Duft. Manchmal salzig, manchmal süss, aber immer lecker. Ein Blick in den Ofen. Zuschauen, wie sich der Käse unter der Hitze knusprig braun zusammenzieht und kleine Bläschen wirft. Wie der süsse Guss einer Fruchtwähe ganz langsam eine bräunliche Farbe annimmt und das Flüssige sich in eine halbfeste Masse verwandelt. Reste gab es damals keine. Acht Mäuler die kräftig zulangten. Die einen hungrig vom langen Schulweg, die anderen von der Arbeit auf dem Bauernhof. Und sollte doch mal etwas übrig bleiben, wurde es fein säuberlich aufbewahrt. An einem Tag der Woche war „Reste essen“ angesagt. Wir liessen auf dem Mittagstisch nochmals die Tage Revue passieren und schlemmten uns durchs Buffet. So war das einfach. Lebensmittel wegwerfen – das kam nicht in Frage.

Wenn ich mir überlege, was heute aus Haushalten auf dem Abfall landet. Und dann bezahlen genau diese Wegwerf-Menschen viel Geld dafür, um sich an einem Buffet à discrétion zu bedienen. Eigentlich es bitzeli Schizophren – kann das Gleiche zu einem Nullfrankenbetrag zu Hause aufgetischt werden. Einfach mal den Kühlschrank öffnen und auf den Tisch, was noch da ist. Das wird ein Spass und weckt die Küchenkreativität. A propos Kühlschrank. In Luzern gibt es jetzt einen öffentlichen Kühlschrank. Türchen auf, Gemüse raus. Türchen zu. Ohne zu bezahlen, darf sich bedienen, wer will. Eine wirklich feine Sache. Vor allem, weil die Lebensmittel aus Geschäften in Luzern stammen. Dinge, die sonst auf dem Müll landen, finden so Abnehmer – wohl auch für budgetarme Menschen eine grossartige Idee. Spannend daran ist aber, dass sich namhafte Detailhändler an der Aktion aktuell noch nicht beteiligen wollen, können, dürfen? Klar, es ist nicht deren Ziel, Ware zu verschenken, sondern Geld zu verdienen. Aber, eigentlich wäre es ja toll, einen Teil des Marketingbudgets für solche Aktionen zu verwenden. Anstatt dann wieder mit grossem Getöse fairtrade, bio und nachhaltig produziert anzupreisen. Denn, das andere wäre wirklich nachhaltig, aus der Region und für die Region.

Seit einiger Zeit gibt es ja sogar Gemüse und Früchte unter dem Label „Unique“ zu kaufen. Gurken, Karotten, Äpfel – durch die Norm gefallen, kriegen sie eine separate Kiste. Da liegen sie dann: die zweibeinigen Karotten, die zu krummen Gurken und zu kleinen Äpfel. Separiert – die Sonderschule für Grünzeug. Und, der Preis ist die Hälfte von dem, was die «Normalen» kosten. Als ob sie weniger Nährwert hätten, nur weil das Mass nicht stimmt. Ich habe mich ertappt, wie ich selber ganz verzückt diese unförmigen Dinger gekauft und mich darüber gefreut habe. Vielleicht ein wehmütiger Ausflug in die Kindheit, als aus dem eigenen Garten viel Unförmiges kam und irgendwann als Wochenrückblick auf dem Esstisch landete. Trotzdem – es ist abartig, dass etwas, was einmal ganz normal war, durch irgendeine Bestimmung plötzlich abnormal wird. Und da beziehe ich mich nicht nur aufs Gemüse. Sondern auch auf uns Menschen.

P.S.
Food save – Neugarten
Der Kühlschrank steht im Neubad

Ein runder Geburtstag.

„Er führt eine Familientradition fort und wird Vater eines unehelichen Kindes.“ Das Gelächter im Saal schwillt für einen kurzen Moment an. Um wenig später wieder gespanntem Zuhören Platz zu machen. Was hier erzählt wird, ist die Lebensgeschichte eines Menschen. Ich kenne ihn kaum, diesen Mann. Was ich in den nächsten Minuten mitbekomme, lässt mich mal schmunzeln, mal staunen. Und ich bin berührt davon, was ich höre. Es fällt leicht, dem Redner die Aufmerksamkeit zu schenken. Man gewährt mir Einblick in ein einzigartiges Leben. Continue reading

Bus Nummer 25

Kichernd sitzen sie in der hintersten Reihe. Sie unscheinbar und leise zu nennen, wäre völlig verfehlt. Jede Person die einsteigt, widmet ihre Aufmerksamkeit zuallererst der hintersten Reihe. Ich auch. Hübsche Mädels sind es allesamt. Schlank, langbeinig, wohlproportionierte Brüste, langes, glänzendes Haar. So, wie die Mädchen heute einfach sind. Ich wundere mich, wie so was möglich ist. Was hat die Menschenkörper in den letzten Jahren so einheitlich werden lassen? Oder fällt mir einfach nur dieser eine Typus auf? Continue reading

Es gibt immer ein nächstes Mal

“Und jetzt laufen die Turnerinnen der Gruppen K1 und K2 ein. Sie zeigen uns ihr Können am Reck, am Sprung und auf dem Boden. Bitte heisst die Mädchen mit einem Applaus willkommen.” Gefühlte tausend kleine Prinzessinnen stolzieren in die Halle. Allesamt wunderhübsch in Glitzerkostüme verpackt. Grazile, beinahe zerbrechliche Körper und lange, streng zurückgebundene Haare. Jedes dieser kleinen Mädchen will sich heute den Traum vom Podestplatz erfüllen. Nur wenigen wird er vergönnt sein. Continue reading

Abendstimmung

Rosa gefärbte Wolkenfetzen sind an den hellblauen Himmel geklebt.
Sie hängen da, wie Zuckerwattenreste, die vom Wind in die Höhe geblasen wurden.
Formieren sich zu einem Fantasiegebilde. Um kurze Zeit darauf weiterzuziehen.
Alsbald Hase, Schildkröte und Drache am dunkler werdenden Himmel vereint.
Dazwischen zischt ein Kondensstreifen durch die Wolkenwelt. Ein Flugzeug
hinterlässt seine Spuren. Bringt seine Gäste in ferne Länder. Die einen.
Nach Hause, die anderen.

Die Wolkenpracht über den Bergen gleissend rot. Wetteifert mit den
mächtigen Gipfel um Aufmerksamkeit. Oder … umhüllt sie zärtlich.
Wie eine Geliebte, die ihren kostbaren Schatz in edle und wärmende
Stoffe packt. Um ihn vor der Dunkelheit der Nacht zu schützen.
So scheint es mir. Ein kurzer Blick aus dem Fenster. Und mir wird
einmal mehr bewusst, wie vollkommen alles ist. Die Natur. Ein
Kommen und Gehen. Tag und Nacht gleiten sanft ineinander über.
Frühling, Sommer, Herbst und Winter reichen sich die Hand.
Geburt, Leben, Tod. Alles im Fluss.

Rund um mich herum Menschen. Jeder einzelne ein Unikat.
Mit viel Liebe entwickelt. Perfekt durchdacht. Mit vielen Details bedacht.
Ein Kunstwerk, das seinesgleichen sucht. Jeder in sich versunken. Nach Zerstreuung suchend. Den Blick auf die Zeitung gerichtet. Finger, die eilige Zeilen, Worte in ein Laptop tippen. Eine liebe Nachricht an einen wertvollen Menschen? Oder an einem wichtigen Projekt arbeitend? Augen, die einen unsinnigen Film auf dem Pad anschauen. Alle beschäftigt. Mit sich und dem, was wichtig scheint.

Kein Blick dafür, was sich da draussen grad abspielt. Brennender Wolkenhimmel
und dunkle Berggipfel die im See versinken. Und als Aquarellgemälde wieder auftauchen.
So unwirklich schön. Wäre die Natur ein Mensch. Sie hätte schon lange losgepoltert.
Schaut her! Seht mich an! Das alles tu ich nur für euch. Und ihr schenkt mir keinen
Funken Beachtung. Alles kostenlos und völlig umsonst. Sie kann nicht poltern.
Und wird deshalb negiert. Was nicht laut ist, wird ignoriert? Was kein Preisschild
trägt, ist wertlos? So scheint es mir.

Statt sich an dem zu erfreuen, was sich direkt vor unseren Augen abspielt, suchen
wir Unterhaltung. Statt dem Gegenüber Beachtung zu schenken, verschmelzen wir mit
unserem Bildschirm. Statt zu reden, schreiben wir unsinnige Kurznachrichten.
Und irgendwann, sitzt einer alleine da. Schaut aus dem Fenster und fragt sich,
warum er sich grad alleine fühlt. Weil alles so wichtig ist, dass keine Zeit mehr
bleibt, für rosa gefärbte traumfigurenerzeugende Zuckerwattenreste?


Die Braut, die sich traut

Neulich lauschte ich einem Gespräch, das mich fasziniert hat. Faszinieren tun mich nicht nur Dinge, die ich an und für sich schön finde. Faszinierend wirkt auf mich alles, was ich nicht einordnen kann. Was sich meiner Logik verschliesst. Was mein Weltbild in Frage stellt. Faszinierend ist, wenn Gesagtes und Gemeintes so inkongruent wirkt, wie ein Rechteck und ein Kreis. So auch dieses Gespräch. Es mag sein, dass ich falsch interpretiere. Es mag sein, dass ich vorschnell urteile. Es mag auch sein, dass alles ganz anders ist, als ich wahrnehme. Wer bin ich denn?

Und doch … Small Talk in einer illustren Runde an einem schönen, privaten Anlass. Manche Gesichter bekannt, andere weniger. Aber niemand so nah (die Gastgeberin ausgenommen), dass ich mein Innerstes nach Aussen kehren würde. In dieser Runde sitzt ein Pärchen, das vor dem grossen Schritt steht. Sie trauen sich. Aber, ob sie sich wirklich trauen, da bin ich mir nicht so sicher. Sie tun es einfach, weil man es tut, wenn man so lange zusammen ist. So mein Eindruck. Den ganzen Abend beschenken sie sich mit mehr oder weniger passenden Bemerkungen. Sie streichelt über sein nicht vorhandenes Haupthaar und quittiert seine Aussagen mit einem „Ja, Schatz. Natürlich Schatz.“ Er untermalt seine Aussagen mit einem sanften Tätscheln ihrer Wange und einem „Gell, Schatz.“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Theaterstück sehen will. Gekauft hab ich mit Sicherheit kein Eintrittsticket. Und, wärs ein Strassentheater „for free“ würde ich wohl weitergehen. Aber in diesem Rahmen lasse ich mir das hübsche Spektakel dann doch nicht entgehen. Irgendwann dann … „Also, ich müsste nicht heiraten. Ich tu es eigentlich nur ihr zu liebe. Und damit ich mich bald dem Hausmann Dasein widmen kann. Dann soll sie arbeiten und für uns schauen.“ Aha … da haben wir es mit einem ganz emanzipierten Exemplar Mann zu tun. Wenn da nur nicht dieser kleine Unterton wäre. Der dem Gesagten die Glaubwürdigkeit nimmt. Und Einwürfe in Richtung … „für Putzen und Wäsche bin ich dann nicht zuständig. Das ist ihr Fachgebiet.“ „Ja, Schatz. Ich weiss. Du heiratest nur, um mir damit eine Freude zu machen. Darum ersparen wir uns ja auch die Kirche. Gehen an einen schönen Ort und feiern das Fest ganz anders. Wir zelebrieren den Tag in einem ganz anderen Rahmen.“ Sie schaut um Beifall heischend in die Runde. Der Applaus ist verhalten. „Aber ich will einfach einmal dieses Prinzessinnenkleid anziehen.“ Jetzt … stockt mir der Atem. Das war wohl ein Witz? Nur habe ich vermutlich die Einleitung zu dieser Komödie verpasst. Ich warte auf die Auflösung – sprich, dass mir jemand den Gag erklärt. Aber, es scheint sich hier um eine wirklich ernst gemeinte Aussage zu handeln.

Den Wunsch an und für sich kann ich ja nachvollziehen. Beinahe jede Frau möchte einmal in ihrem Leben in diese wundervollen Stoffe gehüllt werden. Und den Tag, den viele als den Schönsten ihres Lebens bezeichnen auch wirklich erleben. Legitim, sich so was zu wünschen. Aber, irgendwie scheint mir hier was verkehrt. Das Kleid stellt alles in den Schatten. Und eigentlich wird nur geheiratet, weil eben dieses Kleid angezogen werden will. Die Braut will heiraten, damit sie in Weiss gehüllt traumtänzerisch durch den Tag gleiten kann. Der Bräutigam heiratet, um seiner Braut diesen Herzenskleiderwunsch zu erfüllen. Ist das wahre Liebe? Zum Kleid oder zum Menschen? Ich hoffe, dass es hält, was es verspricht. Das Kleid und die Beziehung.  Ich kann mir nicht verkneifen anzumerken, dass Weiss in vielen Ländern die Farbe der Trauernden ist. Und nicht die der sich Trauenden.