Geheime Seiten

Sonnenaufgang Niederbauen HundschopfNein, das wird keine Neuauflage von «Die drei Fragezeichen» oder «Die drei Ausrufezeichen», der Mädchenversion, wie meine zauberhaften Nichten mich kürzlich belehrten. Die zwei sind für mich genussvolle Horizonterweiterung. Die Jüngere rezitierte letzthin Odysseus, … mir fiel die Kinnlade auf die Knie. Ich bin kein Riese. Der Weg, den die Kinnlade zurücklegte, war trotzdem ein beachtlicher. Kinn – Knie. Der K2 am Körper, sozusagen. Ich schweife ab… Man verzeihe mir. Vielleicht schweife ich ab, weil ich mich drücken will. Vor den Worten, die da warten. In dieser einen geheimen Ecke meines Wortkistchens. Worte, die ich nicht zu den Wortschätzchen zähle. Viel mehr sind es Wortschwärzchen. Weil sie nicht leichtfüssig durch die Lüfte schweben, sondern eher wie eine Rauchschwade durch den Raum wabern …

Geheime Seiten …  lasst uns darüber sprechen. In einer Welt, in der alle schillernd und erfolgreich, unabhängig, ausgestattet mit vollkommener innerer Freiheit und selbstbestimmt unterwegs sind. So zumindest mein Eindruck … in den sozialen Medien … Und genau in dieser Welt wünschte ich mir mehr Platz für ECHTE Menschen. Vielleicht ist es auch einfach die Erlaubnis an mich selbst, mich echt zu zeigen? So, wie ich bin. Manchmal bin ich «mit viel Scharf» unterwegs, ein andermal wird die Milch sauer, wenn ich sie anblicke. Manchmal habe ich Seifenblasen in den Taschen und schwebe durch das Leben. Ein andermal habe ich das Gefühl, in frischen Teer getreten zu sein und nicht mehr voranzukommen. Während ich hier sitze und schreibe, spüre ich, wie sich Hitze in mir breitmacht.

Diese sengende Glut ist mir wohlbekannt. Sie tritt immer dann auf, wenn ich mich unwohl fühle oder meine Komfortzone verlasse. Und solche Momente gibt es einige, das darfst du mir glauben. Ich fühle mich unwohl beim Gedanken, vor Menschen zu sprechen. Ich fühle mich unwohl, wenn in einer Gruppe unvermittelt das Wort an mich gerichtet wird. Ich fühle mich manchmal unwohl bei der Vorstellung, wieder einen Abend oder ein Wochenende alleine zu verbringen. Ich fühle mich unwohl, wenn ich nachts den Schlaf nicht finde. Daliege und in die Dunkelheit starre. Wenn die ganzen Schafe durchgezählt sind und ich den Body zum hundertsten Mal gescannt habe. Ich fühle mich unwohl, wenn die Angst-Dämonen sich um mein Herz klammern. Ich mir sehnlichst wünsche, dass es Schneeketten fürs Herz gäbe, mit denen ich sicher durch jeden Sturm navigiere. Ich fühle mich unwohl, wenn die Idee, nicht geliebt zu werden, übermächtig wird. Ich fühle mich unwohl, wenn ich mich mit meinen Gedanken komplett ins Aus manövriere und mir der Allradantrieb fehlt, um wieder auf befestigte Strassen zu gelangen.

Meine geheimen Seiten … sie gehören zu mir, genauso, wie die vorwitzigen, lebensspritzigen, die auf jede Frage eine Antwort, für jedes Problem eine Lösung finden. Nur gönnen die sich hin und wieder ihren Dornröschenschlaf. Dann wirbeln die geheimen Seiten durch mich, wie ein Orkan. Manchmal lasse ich mich mitreissen und werde durch die Gegend geschleudert. Ein andermal gelingt es mir, im Auge des Orkans fest im Boden verankert zu stehen. Bis der Sturm nach und nach abflaut. Das Chaos nur mehr als Flüstern wahrnehmbar ist. Eines habe ich im Laufe meines Lebens mit mir an meiner Seite gelernt. Ich will diese geheimen Seiten nicht verstecken. Ich habe Lust, mich mir selbst und auch anderen zuzumuten. Herrlich unperfekt und deshalb so vollständig. Ich will mich zumuten, mit zerzaustem Haar, mit zerschundenen Knien. Mit einer Stimme, die vor Lampenfieber zittert. Mit einem tomatenroten Kopf inmitten von Menschen. Mit einem wild schlagenden Herzen, das sich in gestrecktem Galopp aus dem Staub machen möchte.

Geheime Seiten… Ich wünsche mir sehr, dass wir alle den Mut haben, uns zu zeigen, wie wir eben sind. Dass wir die geheimen Seiten in uns liebevoll bei der Hand nehmen und sie ins Licht führen. Dass wir in solchen Momenten in Gedanken ganz dicht neben uns sitzen, mit uns schweigen. Damit so viel mehr ausdrücken, als Worte es je vermögen. Und wir uns sagen können: Ich bin gut genug. Egal, wie ich grad bin.

 

Mit dem Schnellzug mitten ins Herz

Ein schöner Tag. Am Abend wird nichts mehr sein, wie es am Morgen war. So ist es immer. Mit jedem Tag. Auch wenn man das manchmal nicht mag. Wir sind abends ein paar Stunden älter, ein paar Takte weiser… vielleicht. Ein paar Zellen veränderter… in jedem Fall. Und an diesem speziellen Tag… um eine wundervolle Begegnung reicher.

Bahnhof Luzern, Samstagmorgen. Einer dieser Samstage, an denen die ganze Schweiz ins Tessin reisen will. Klug vorgedacht haben wir Plätze für unsere Bikes und uns selbst reserviert. Die Bikes logieren in Wagen sieben. Wir in Wagen zwei. Dazwischen liegt das SBB Bistro. Es bietet sich an, auf dem Weg zum Sitzplatz einen Kaffee zu ergattern. Der Zug ruckelt bereits auf den Geleisen, als wir endlich bei unseren reservierten Thronen (Nein, ich meine nicht Drohnen – die Mehrzahl von Thron lautet wirklich so.) ankommen. Und da sitzt sie: eisgraues Haar, Haut wie feines Pergament, bergseeblaue Augen und ein Strahlen, das dem eines Diamanten gleicht. «Oh, ich habe schon gedacht, ich hätte die ganze Vierercombo für mich alleine.» In ihrer Stimme schwingt ein Schmunzeln mit. In ihren Augen blitzt und glitzert es. Sie belegt meinen Platz. «Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich hier sitzen bleibe?». Voll ok. Mein Magen ist unempfindlich und ich kann die Fahrt genauso gut im Rückwärtsgang geniessen.

Ein Genuss wird es! Die Dame sprudelt über vor Energie und Lebensfreude. Sie ist eine Schatztruhe voller Geschichten. Geschichten aus einem langen Leben. Wie ich auf das lange Leben schliesse? Nun, sie berichtet von den Jahren, als sie in Grindelwald in einem Sportgeschäft gearbeitet hat. Das war 1958. Kurz überschlage ich im Kopf, dass sie dann ja so um die Zwanzig gewesen sein muss. Sie erlebte in diesem Winter, wie einer der ersten Skilifte gebaut wurde. «Wissen Sie, so einer mit einer Stange und einem kleinen Teller unten. Das Frauenträumli, haben wir es genannt.» Sie hält sich die Hand vor den Mund und zwischen ihren Fingern perlen kleine Lachbläschen hervor. So viel damenhaften Schalk habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Sie ist erfüllt von liebevollen Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Heute führt sie ihre Reise ins Tessin, ans Kastanienfest. Mit ihrem Ehemann lebte sie viele Jahre in der Nähe von Rivera. Er starb und sie kehrte vor fünf Jahren nach Luzern zurück. «Weil es im Tessin alleine nicht mehr gegangen wäre …», stellt sie nüchtern fest. Jetzt erobert sie die Welt von Luzern aus. Mal mit ihren Freundinnen, mal alleine. «Ich habe nicht mehr viele Freunde und Bekannte. Die meisten sind schon gestorben. Oder dann nicht mehr so mobil wie ich. Kinder habe ich keine», auch das erzählt sie ohne Gram. Sondern in einem Ton, der ausdrückt: «Ich liebe mein Leben, so wie es ist». Das strahlt aus jeder einzelnen ihrer Körperzellen. Diese Dame ist mit sich und ihrem Leben im Reinen. «Ach ja. Heute Abend muss ich zeitig zurück sein. Ich will noch ins KKL. Tango!» Tango – das passt zu ihrem Temperament und ihrer Lebensfreude. Sie plaudert und giggelt in einem Fort. «Das Leben macht doch viel mehr Spass mit etwas Humor», meint sie, fast ein bisschen entschuldigend. Recht hat sie. Im richtigen Moment ein Spässchen, in holprigen Situationen über sich selbst lachen können und den Tagen dadurch etwas Leichtigkeit geben. So sollte es sein. Sie beherrscht diese Disziplin, ohne Frage. Die Zugfahrt vergeht viel zu schnell. Wir müssen umsteigen, raffen unsere sieben Sachen zusammen. Ein herzliches Auf Wiedersehen, begleitet von ihrem unwiderstehlichen Lachen. Am Perron bleiben wir stehen, winken uns die Hände aus dem Handgelenk. Blicken dem Zug fast etwas wehmütig hinterher. So, als ob wir eben einer lieben Freundin Adieu gesagt hätten.

Es gibt sie wirklich, diese Menschen, die sich mit dem Tempo eines Schnellzuges in dein Herz stehlen. Und da bleiben. Egal, ob du ihnen jemals wieder begegnest. So wie Irma. Wie diese Dame ihr Leben lebt, mit welcher Freude und kindlicher Leichtigkeit, mit welchem Schalk und Charme sie unterwegs ist, das hat mich beeindruckt und berührt. Ich weiss, es ist eine Momentaufnahme. Irma hat auch ihre grauen Tage. Sie beschönigt nichts. Aber sie ist eine, die lieber ins Licht blickt. Und mit ihrem Leuchten unsere Welt ein ganz klein wenig strahlender macht.

In einer Nacht wie dieser

Quote

In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Es ist eine dieser Nächte, bedrohlich schwarz.
Wie Tinte, aus der gewichtige Dokumente geschrieben sind.
Pergamentwichtig. Heute schreibt niemand mehr mit Tinte.
Alle Dokumente aus Tastatur getippt.
Einheitsbrei… auch in der Schreiberei.

In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Sie ist sperrig und wütend. Wind fegt durch die Strassen.
Lässt Fahnen verzweifelt flattern. Fensterläden klappern.
Türscharniere quietschen. Der Fluss bahnt sich seinen Weg.
Wie eine Lebensader aus dunklem Blut in dieser pechschwarzen Nacht.

In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Wolldeckenumhüllt fühlen, gerne jetzt gleich.
Trotz allem kriecht sie hoch, die Kälte.
Umschliesst mit ihren Klauen, klammert.
Bis kein Blut mehr fliesst. Keine Schritte mehr gehen. Kein Finger sich rührt.
Das einzige, was dreht und geht, sind die Gedanken.

In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Bedrohlich hat sie ihre Fühler ausgestreckt.
Verschlingt, was nicht niet- und nagelfest ist.
Frisst Herzensfreude, Lebenslust, lauleichte Sommerabende.
Schmeisst sich alles in den Rachen, was nach Leichtigkeit riecht.

In einer Nacht wie dieser geht niemand durch die Stadt.
Dann bleib doch daheim. Möchte man rufen.
Entzünde ein Feuer, das dich wärmt und nährt.
Kuschel dich ein und lass dich tragen.
Doch was, wenn die Nacht nicht draussen ist?
In der Welt. Sie in deinem Kopf wütet.

Irgendwann ist das Ungeheuer satt.
Rollt sich zusammen, verkriecht sich in die Ecke.
Dann weißt du: Es gibt auch die andere Nacht.
Die dich samtweich in Dunkelheit einhüllt.
Tröstend umschliesst, wie eine Mutter ihr Kind.
Das Dunkle zieht vorbei. Morgen kommt ein neuer Himmel.

Mountainbiketour Bachalpsee Grindelwald

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oder … meine Öhrchen hören ein Motörchen. Der Aufstieg ab Grindelwald zieht sich. Oben angekommen wird man aber belohnt. Mit Ausblick, Weitblick und Gipfelblick. Und, die Abfahrt macht jeden Schweisstropfen wieder wett. Eine wohlige Wärme breitet sich aus, eine Freudenwärme. … Continue reading

Noch immer tabu?

Mittwochabend. Sonnenschein. 14. August 2019. Pulsfrequenz hoch. Der Verein Business & Professional Women hat eingeladen. Für ein Referat zum Thema Burnout. Was das mit mir zu tun hat? Nun, ich bin quasi die Expertin. Weil ich es selbst durchlebt habe. «Heute vor zehn Jahren, wird mir auf einmal bewusst. Es war genau heute vor zehn Jahren, am 14. August 2009, dass ich aus meinem Leben ausgecheckt und in die Klinik in Gais eingecheckt habe. Wie es dazu kam? Das erzähle ich den Augenpaaren heute Abend. Kein auswendig gelernter Vortrag, erlebte Realität. Und deshalb fällt es mir leicht, darüber zu sprechen. Die Worte sprudeln aus mir raus, wie sie es sonst nur beim Schreiben tun. Wie es dazu kam, ist die eine Seite. Wie ich aber zurück ins Leben fand, was ich heute anders mache, das scheint mir viel wichtiger. Und es ist die Geschichte, die ich erzählen will.  Continue reading

Wann verlieren wir diese Unbekümmertheit?

Balkonmorgen und Kaffeetrinken – mein Start in den Tag. Weil ich es mag, wenn die Vögel in vielen Sprachen zwitschern, der Nachthimmel dem Morgen Platz macht. Einzelne Wolken sich drapieren. So langsam, als ob sie sich erst den Schlaf von ihrem Watteleib schütteln müssten. Ein sanfter Sommermorgen. Eine Kinderstimme durchbricht die Vogelgezwitscherruhe.

«Mama, welchen Weg muss ich nehmen?»
«Lauf den, den wir immer gehen.»
«Und wie lange darf ich weg sein?»
«Eine halbe Stunde sollte reichen.»
«Mami, das Überraschungsei!»
«Was ist damit?»
«Das stoht ned uf em Ichoufszätteli.»
Die Stimme der Mama verrät, dass es in ihr schallend schmunzelt.
«Wenn das Geld reicht …darfst du dir natürlich eines kaufen.»

Das Mädchen, vielleicht fünf ist sie, hüpft die Treppe hinab. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht ganz wichtig und strahlend. In grosser Mission unterwegs. Ihre erste Einkaufstour auf eigene Faust, nehme ich an. Der Weg, den sie einschlägt, führt direkt zum Coop, hier bei uns im Quartier. Erfrischend, wie viel Freude in ihr steckt. Die Freude darüber, dass sie zum ersten Mal für die Familie einkaufen geht. Alleine. Die Freude darüber, dass ihre Mama ihr das zutraut. Die Freude darüber, schon so gross und selbständig zu sein. Keine Spur von Zaghaftigkeit. Ein Ausbund an Neugier. Ich blicke ihr nach, wie sie da auf ihren kurzen Beinchen, mit fliegenden Zöpfen, ihrem Ziel entgegen marschiert.

Mit Neugier und Vertrauen Neues entdecken. Das steckt in uns drin. Ganz tief. Doch irgendwann, unterwegs auf dem Lebensweg, da dümpeln diese Eigenschaften oft träge vor sich hin. Man entdeckt zwar immer noch. Doch oft ist das Neue, die Neugier von Respekt begleitet. Manchmal gar von Angst. Wird alles gut gehen? Was, wenn ich das nicht kann? Wie wird es sein? Fragen, auf die es keine Antwort gibt, vermiesen uns die Vorfreude. Statt uns einfach dem hinzugeben, was auf uns zukommt, möchten wir schon im Voraus wissen, ob es denn gut wird. Ob wir schaffen, was wir uns vorgenommen haben. Ob es eine Garantie dafür gibt, dass die Mission gelingt. Wann genau macht das unbekümmerte Wesen dem «Ich will alles sicher wissen» Platz? Und verhindert dadurch so manches Abenteuer? Wann beginnt Mensch, für jedes und alles eine Garantie zu wollen und schliesst Versicherungen ab, bis zum Geht nicht mehr? Warum verharren so viele Menschen in einem Zustand, Tag für Tag die gleiche Routine? Anstatt die Wunder des Lebens auszukosten, so wie das kleine Mädchen?

Ich kenne sie auch, diese Fragen und Zweifel. Wer mir nahesteht, weiss: Darin bin ich manchmal Weltmeister. Aber sie hindern mich nicht daran, trotzdem loszulaufen. Die Ungewissheit bläst mir ihren heissen Atem in den Nacken. Ich gebe mich ihr hin und halte die Hitze aus. Ruhig im Feuer stehen, wäre das Ziel. An manchen Tagen klappt es wunderbar. Manchmal wird ein Ringeltanz daraus. Das neugierige Ding in mir ist aber trotzdem immer stärker. Es hat schon viele Schlachten ausgetragen. Ist aus manchen verwundet hervorgegangen. Die Narben verheilen, bleiben als «Orden» zurück. Mit jedem Mal, wenn ich den Sprung ins Bodenlose wage, lerne ich besser zu fliegen. Ich bin weit davon entfernt, eine Meisterseglerin zu sein. Aber ich bin eine gute Flugschülerin, die einfach dranbleibt. Und zwischendurch wieder aufsetzt, um durchzuatmen. Die Momente, in denen ich denke: «Ach Mädel, was machst du dir wieder für einen Kopf», habe ich anzunehmen gelernt. Ohne mich davon ausbremsen zu lassen. Weil ich einfach glaube, dass wir es dem Leben schuldig sind. Mit mehr Leicht-Sinn unterwegs zu sein und so aktiv gegen die Schwerkraft zu wirken.

Muss ich reich sein, um Gutes zu tun?

«Hesch mer drüü Stutz? Ech sägs grad ehrlich. Bruuche das Gäud för ‚nes Bier.»

Er steht leicht schwankend vor mir… Wie eine Eiche, die sanft vom Wind gewiegt wird. Eine Eiche hat kräftige Wurzeln. Die, so scheint es, hat er verloren. Einer von der Strasse, offensichtlich. Mit seinen Worten schwappt eine Alkoholfahne in mein Gesicht. Seine Augen bittend auf mich gerichtet hält er mir die offene Hand hin. Ich lege ihm einen Fünflieber hinein.
«Es ist vermutlich nicht die Lösung. Aber wenn es dir im Moment hilft, dann gerne.»
Das Leben rauscht rechts und links an uns vorbei. Während in unserer Blase drin die Zeit kurz stillsteht. Das scheint ihm aufzufallen.
Er mustert mich und meint: «Ach, wahrscheinlich hast du ja gar keine Zeit, mir zuzuhören. Tut mir leid!»
Worauf ich ihm entgegne: «Ich habe heute schon so viele Züge und Busse verpasst. Da kann ich mir den einen auch noch entgehen lassen.»
Sein Gesicht leuchtet. Und die Worte stürzen aus seinem Mund. Binnen weniger Minuten stecke ich mittendrin in seiner Lebensgeschichte. In seinem Schicksal. Es ist manchmal ein mieser Verräter, dieses Schicksal. Ich stehe da, lausche ihm. Wie er aus der Umlaufbahn geworfen wurde. Wir beide, im geschäftigen Bahnhofstreiben, eingepackt in seine Geschichtenblase. Irgendwann hat er seine Worte aufgebraucht. Schweigen. In seinem Kopf scheint es zu rotieren.
Auf der Suche nach den passenden Worten: «Ich würde dich jetzt gerne umarmen. Aber wahrscheinlich stinke ich dir zu fest.»
Seine Offenheit ist erfrischend. Erreicht mein Herz in Lichtgeschwindigkeit. Ich lache innerlich schallend und schmunzle ihn leise an: «Natürlich darfst du mich umarmen.»
Ich schliesse ihn in meine Arme. Er, der Hühne, lehnt sich an mich. Für einen kurzen Moment nur. Dann lässt er mich los und meint: «Danke dafür.» Er holt nochmals zu einer Erklärung aus … dreht sich weg und schwankt davon.

Ich bleibe stehen. Verwurzelt in diesem Moment. Solche Begegnungen berühren mich immer wieder tief. Wie sehr unterscheidet sich dieses Leben von meinem? Wie sehr unterscheidet sich dieses Leben von dem, was in den Sozialen Medien gepredigt wird? «Mindset ist alles. Da wo du deinen Fokus hast, geht die Energie hin. Wie du innert Kürze reich wirst.» Es gibt viele Parolen dazu, wie man sich auf Erfolg trimmt. Dann wäre dieser Mensch offensichtlich einer, der versagt hat. Doch, ist die Antwort wirklich so einfach? Ich frage mich einen leisen Moment, warum gewisse Menschen ihr Schicksal meistern und andere auf einmal vom Leben gelebt werden. Die Antwort wird philosophisch bleiben … Doch eines weiss ich mit Sicherheit: Es steht mir in keiner Sekunde zu, diesen Menschen, den das Leben offensichtlich gebeutelt hat, zu beurteilen. Was mir aber zusteht ist, ihm mit Mitgefühl zu begegnen. Ein Wert, der – so scheint es mir – nicht mehr so gross in Mode ist.

Wie oft las ich in den letzten Monaten: «Ich will Millionär/in werden, um Gutes zu tun.» Da frage ich mich echt und ehrlich, braucht es dazu die Million? Oder kann man vorher schon damit beginnen? Ich glaube ja. Der innere Reichtum hat nichts mit Zahlen zu tun. Sondern damit, wie erfüllt und dankbar man die Fülle wahrnimmt, in der ein ganz grosser Teil von uns bereits lebt. Und die kann man teilen, ohne einen Franken auszugegeben.

Zeit, ein offenes Ohr, ein offenes Herz und einem Menschen auf Augenhöhe begegnen, der das vermutlich nicht mehr so oft erlebt. Ihn mit Würde und Respekt behandeln, egal in welcher Situation er sich befindet. All das ist kostenlos. Aber ganz und gar nicht umsonst. Und es macht reich, echt!

Zwei Biketage, vier Kantone, drei Pässe, tausend Glücksmomente

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Eine zweitägige Biketour durch das Herz der Schweiz – die Gotthardregion. Inspiriert von einem Artikel im Magazin Ride, haben wir die Tour nach unserem Gusto geändert und tausend Glücksmomente erlebt. Ein Höhepunkt reiht sich an den nächsten. Die Fahrt über … Continue reading

Eine Ode an den Montag

Aside

Guten Morgen, du lieber Montag.

Willkommen im Tag, den niemand wirklich mag.
Schau, da oben scheint die Sonne schon.
Sie kümmert sich nicht um den vermeintlichen Dämon.
Sie scheint, als ob sie weiss – das wird schon.
Ihre Strahlen umarmen dich durch das Fenster.
Auch an einem Montag, nehmen sie dich in den Arm.
Egal wie oft du dich noch im Bett drehst, die Laken nachtwarm.
Also hopp, stell dich jetzt, den Montagsgespenster.

Das Vogelgezwitscher dringt lässig zum Fenster rein.
Will dich ermuntern, lass dich auf den wundervollen Tag ein.
Kriech aus den Federn, auch wenn es zäch für dich ist.
Lass die Zeitung heute links liegen. Da drin steht eh nur Mist.
Es ist nicht von Bedeutung, ob du sie durchgeblättert hast.
Deinen Sorgenrucksack stellst du in die Ecke. Raus ohne Last.
Schalk und Leichtigkeit trägst du heute Huckepack.
Das wird dein Tag, der geht voll ab!

Heute und immer bist du dein Lebenskomponist.
Du gehst dahin, wo deine beste Gelegenheit ist.
Packst alle Chancen am Schopf.
Bist der Maler deiner Leinwand, greifst in jeden Farbtopf.
Lass dich treiben mit Seifenblasen in den Taschen.
Du brauchst keinen Kompass, nur ein Lachen.
Dein Tempo ist der Rhythmus, zu dem du tanzt.
Warum so einfach? Weil du es kannst!

Du hast deinen Zug verpasst, das ist kein Problem.
Kommst du halt etwas später. Die Hauptsache ist,
du bist unterwegs. Im Lied deines Lebens bist du dein Komponist.
Heute gibt es für dich nichts zu versäumen.
Erlaube dir, einfach mal zu träumen.
Schau dem Leben und seinen Wundern zu.
Lass das Handy in der Tasche, Facebook und Instagram in Ruh.
Keine Likes, keine Bilder, keine Kommentare.
Nur die Welt, dein Leben und du.
Tauche ein in den Moment, den Zauber.
Lass dich treiben in deinem Sein.
In deinem Leben, bist du der hellste Schein.

Ausserhalb von Raum und Zeit bist du unterwegs.
Gehst komplett auf, in dem was du willst und tust.
Nicht in dem was du glaubst, dass du es musst.
In einen Bergbach aus guten Gedanken.
Streckst du nicht bloss die Zehen rein.
Nimm Anlauf, spring los und tauch komplett ein.
Die dunklen Gedanken saufen ab.
Finden auf dem Seegrund ihr ewiges Grab.
An die Oberfläche sprudelt deine Leichtigkeit.
Von ganz tief unten, jetzt ist ihre Zeit!

Du kehrst heim, aus einem Tag voller Abenteuer.
Reibst dir erstaunt die Augen, in dir brennt ein Feuer.
Schon vorbei, dieser eine Tag.
Den ich doch eigentlich so gar nicht mag?
Wer sagt denn, dass der Montag der Böse ist?
Anstatt ihn anzumurren, lach ihm zu, das ist der Zauber.
Das hast du gut gemacht, du Lebensheld.
Du malst aus jedem Tag ein Blumenfeld.
Du alleine wählst, wie deine Montagsgeschichte ist.
Die Sonne versinkt am Horizont, schickt dir ihr goldenes Abendlicht.