Zwei Biketage, vier Kantone, drei Pässe, tausend Glücksmomente

Eine zweitägige Biketour durch das Herz der Schweiz – die Gotthardregion. Inspiriert von einem Artikel im Magazin Ride, haben wir die Tour nach unserem Gusto geändert und tausend Glücksmomente erlebt. Ein Höhepunkt reiht sich an den nächsten. Die Fahrt über den Gries-Pass zur Gries-Hütte und weiter über San Giacomo nach Airolo beschert einem aber definitiv DAS Bike-Erlebnis.  

Du steigst nach einer kurvenreichen Fahrt auf dem Grimsel aus dem Postauto. Schliess die Augen. Was siehst du? Berggipfel, kleine Nebelbänklein über dem Totensee, riechst den Duft von Alpenrosen, Abgase von unzähligen Motorrädern kriechen in deine Nase. Dann öffnest du die Augen. Realität! Die Sichtweite ungefähr so, wie in einem Dampfbad. Der Wind zerrt wütend an den Kleidern. Die Haut zieht sich zusammen, als ob sie in sich selbst kriechen möchte. So präsentierte er sich also, der grandiose Start unserer zweitägigen Biketour. Kurz beraten und ein paar Kleiderschichten übergezogen. Der Einstieg in den Trail beim Totensee ist schlicht nicht auszumachen. Da wir den Trail nicht kennen, würde es ein Ritt ins Aussichtslose. Deshalb der pragmatische Ansatz: Wir fahren die ersten Kurven der Passstrasse entlang in die Tiefe. Bis kurz nach Gletsch, wo uns auf einmal das Schild der Bikeroute 770 entgegenspringt. Wortwörtlich. Das Bordeaux mit dem gelben Nummernschild kreischt einem in der eisgrau verhüllten Landschaft förmlich an. Ein Lichtblick, weil vielleicht die Möglichkeit besteht, doch noch ein paar hübsche Meter auf abenteuerlichen Wegen zu ergattern? Das Lokal in der Kurve lockt. Auftauen in Gletsch und Karte studieren. Ja! Dieser Weg führt uns zum heutigen Tagesziel: Ulrichen im Wallis. Wir nehmen die Höhenmeter unter die Räder. Jetzt, unterhalb der Nebelgrenze zeigt sich das Wetter gewaltig. Wolkenformationen bauen sich auf. Schiefergrau, anthrazit, eisgrau … der Himmel zeigt sich wütend, lässt die mächtigen Berge noch mächtiger erscheinen. Bald haben wir den höchsten Punkt erreicht und dürfen den hübschen Singletrail in die Tiefe geniessen. Ich stutze kurz, weil meine Hinterbremse irgendwie ins Leere geht. Es wird sein, weil das Öl kalt ist, nach ein paar Metern greift sie wieder und ich schiebe den Gedanken bei Seite. Das letzte Stück geht’s auf einer Forststrasse runter. Nicht das Highlight, aber zweckmässig. Und wir kommen, von den ersten Sonnenstrahlen des Tages eskortiert, in Ulrichen an.

Drin im Hotel Nufenen wartet noch mehr Sonnenschein. Die Wirtin ist ein Energiebündel und hat für jeden Gast einen Spruch auf den Lippen. Ein Lachen übrigens auch. Ulrichen verzaubert. Alte Wallisherhäuser stehen dicht gedrängt und bilden das Dorf. Da könnte man dem Hausnachbarn das Mehl durchs Fenster reichen. Früher war «Privatsphäre» und Abstand zu andern wohl noch nicht so wichtig. Die Menschen auf dem Raumplanungsamt zu der Zeit noch nicht erfunden. Gut so. Man hat nämlich das Gefühl, die Häuser suchen und bieten gegenseitig Schutz.

Urlichen – Gries-Pass – Airolo 

Eine erholsame Nacht später hüpfen wir zeitig, um 7.37 Uhr, ins nächste Postauto. Für mich die Hummel unter den Fahrzeugen. So wendig die Hummel mit ihren Proportionen durch die Lüfte rotiert, so flink erklimmt das Postauto die Kurven der Passstrasse. Der gelbe Riese fährt über den Nufenen und weiter nach Airolo. Uns spukt er an der Haltestelle Griespass aus. Nicht ohne die mahnenden Worte des Chauffeurs im Ohr: «der isch aber gsperrt!». Wir haben davon gehört. Wir haben aber auch vernommen, dass jeder Biker in seinem Leben einmal den Gries-Pass gefahren haben sollte. Ich halte kurz inne, horche in mich. Das hilft mir, wenn ich vor brenzligen Situationen stehe. Ist das Gefühl ein ungutes, lasse ich es sein. Schlägt mein Herz tief und gleichmässig, ist da kein Grummeln im Bauch, kann ich darauf vertrauen, sicher unterwegs zu sein. Und heute klopft es stark und regemlässig an meine Brust. Also los. Vorbei geht’s an ein paar Campern, die morgenmüde ihren ersten Kaffee schlurfen. Der Dampf aus dem Becher hüpft vor ihren Gesichtern, als ob er sie zum Tanzen animieren möchte. Hm ja, so ein Kafi, das wäre es jetzt. Die Aussicht, den dann in der Capanna Corno-Gries, zu geniessen, lässt uns losfahren. Die Passstrasse hoch, bald flankiert von mehr als mannshohen Schneewänden. Der Winter liegt hier noch immer. In Sichtweite die drei mächtigen Windräder, aus dem rechten Augenwinkel erhascht man einen letzten Blick ins Obergoms. Und dann stehen wir vor dem Gries-See, mit Blick auf den Gries-Gletscher. Da inszeniert jemand gewaltig. Nebelschwaden verhüllen die Sicht, lichten sich einen Wimpernschlag später wieder. Der See schimmert in einer Farbe, die an die Tröpsli mit dem Eisbären auf der Packung erinnern. Bald haben wir den höchsten Punkt erreicht und nehmen den Trail zur Hütte unter die Räder. Immer wieder queren wir Schneefelder. Immer wieder klappt uns die Kinnlade staunend auf die Brust. Ein Ritt durch Felsformationen, vorbei an Steinhaufen, rechter Hand mäandert ein Bach durch die Landschaft, auf dem Eisschollen schwimmen. Arktis in Miniaturform, schiesst es mir durch den Kopf. «Ich glaube, meine Bremsen gehen auf Eisen», platzt es in der nächsten Minute aus meinem Mund. Einen Kontrollblick später haben wir Gewissheit: Die Hinterbremse ist abegfieget und zieht nicht mehr wirklich. Anfängerfehler! Zuhause ein Kontrollblick – immer hilfreich, wenn man auf Tour geht… Ein paar Ersatzbremsklötze im Rucksack auch! Ich mache mir nicht allzu grosse Sorgen. Bis zur Hütte schaffe ich es und dann werden wir weitersehen. Sie taucht nämlich bereits auf, da in der Ferne. Dieses Gebilde, das an ein halbes Schiff auf einer Steinkonstruktion erinnert. Futuristisch. Gar nicht futuristisch, sondern enorm freundlich sind die Hüttenwarte und ihr Team. Für das Bremsproblem gibt’s aktuell genau eine Lösung, mit der ich leben kann. Und in Airolo werden wir uns dann nach Ersatzmaterial umsehen. Nach einem Blick auf die Karte weiss ich: Das geht. Der Weg führt nämlich von der Hütte weg immer der Höhenlinie entlang bis nach San Giacomo. Wer jetzt aber glaubt, dass man ab hier einfach flach und in eine Richtung fährt, der wird eines Besseren belehrt. Auf und nieder, immer wieder. Intervalltraining in kürzesten Einheiten, garniert mit technischen Passagen und Ausblicken zum Dahinschmelzen. Sehe ich da etwa sowas wie eine Freudenträne schimmern? Oder macht der zugige Wind die Augen feucht? Zum Glück zeigt sich das Theromemeter heute gnädig. Obwohl die Sonne vom Himmel strahlt, ist es angenehm. Gut so! Sonst würde man mich vermutlich für die Klimaerwärmung verantwortlich machen, soviel Herzwärme erzeugt das Glücksgefühl in mir. (Ich weiss: Ich trage auch so meinen Teil dazu bei. Leider.) Diese Tage aber, da sind wir ausschliesslich mit ÖV unterwegs. Ein weiteres Hoch auf die Schweiz. Das Netz ist einfach ausgezeichnet!

Menschenmassen und ein Einsiedler

San Giacomo und seine kleine Kapelle erreicht, kriege ich kurz Schappatmung. Nach den fast «menschenlosen» Stunden unterwegs, ist dieser kleine Ort überflutet. Unzählige Bikes liegen im Gras, rund um die Kirche haben sich gefühlte tausend Gläubige zur Messe versammelt. Nichts wie weg hier! Zumal uns ja jetzt der «steile» Teil der Abfahrt bevorsteht. Die nächsten sechshundert Höhenmeter gehen senkrecht zur Höhenlinie bergab. Ich und meine Bremsen sind also nochmals gefordert. Über Wanderwege und steile Weiden gelangen wir schliesslich durch eine urwaldähnliche Vegetation in einen hübschen Wald. Ab jetzt geht’s sanft bergab, noch immer auf wunderbaren Trails. Irgendwann wird der Weg wieder bockig, ich auch. Wir suchen die nächste Möglichkeit, um auf die Passstrasse auszuweichen und finden einen Abzweiger, der uns nach Mott führt. Eine Eingebung? Nach der kleinen Holzbrücke und dem rauschenden Wasserfall erspähe ich ein Haus, gebaut aus echten Felsblöcken. Neugierig wie ich bin, rolle ich mit dem Rad in die Einfahrt. Bestaune dieses Meisterwerk. Der Eigentümer kommt hinaus. Sein Haar steht in alle Richtungen, als ob er grad einem heftigen Sturm entkommen wäre. Sein Lachen hingegen, das leuchtet, als ob er die Sonne in sich tragen würde. «Buongiorno.» Mehr kriegen wir nicht über die Lippen. Doch, wenn man sich unterhalten will, gibt es einen Weg. Mit Händen und Füssen. Mit wenigen Brocken Italienisch und ganz viel gutem Willen. Bald sitzen wir in seiner Küche, vor uns einen Kaffee und eine Flasche Grappa. Er, seit einigen Jahren pensioniert, lebt hier. Mit seinen Yaks. Und mit sich. Das Haus hat er in dreissigjähriger Arbeit eigenhändig renoviert, teilweise neu gebaut. Jede Ecke ein Unikat. Jeder Winkel ein verstecktes Geschenk. Seine Cantina will er uns unbedingt zeigen. Wir steigen die dunkle Treppe hinunter. «Was wird das jetzt», dieser Gedanke flackert kurz auf, bevor das Licht angeht. Das ganze Haus ist unterkellert. Da hängt Käse, Yak Fleisch und ein Tuffsteinbrunnen wird mit Wasser, direkt aus dem Felsen gespeist. Leider tickt die Uhr. Es ist Zeit, zu gehen. Ich will in Airolo noch shoppen gehen, Bremsklötze. Wir schiessen ein Selfie, schütteln uns herzlich die Hände und radeln davon. So ganz unverhofft ein fremdes Leben streifen, das hat für mich immer etwas Magisches. Passt zu unserer Tour durch die vier Kantone. Die ist nämlich märchenhaft.

Airolo – Gotthardpass – Andermatt

In Airolo finden wir den Bikeshop an der Gotthardstrasse und die Bremsklötze. Jetzt steht der letzten Abfahrt des heutigen Tages nichts mehr im Weg. Das Postauto scheint uns bereits zu erwarten. «Dürfen wir die Bikes schon an den Haken hängen?» «Wenn ihr nümme möged fahre, scho …», so die launige Antwort des Postautochauffeurs. Nein, bei dieser Tour stehen die Abfahrten definitiv im Vordergrund. Was an Höhe mit ÖV geschluckt werden kann, schlucken wir. Über die alte Gotthardstrasse windet sich der Bus nach oben, mit Blick auf die Tremola. «Jede der über 30 Kurven hat einen eigenen Namen», verrät der Postautochaffeur. Die Passhöhe ist erreicht, wir steigen aus dem Bus und «lueg zersch, wohär dass der Wend wäiht». Sonst machen sich Kleinigkeiten, die nicht niet- und nagelfest sind, direkt aus dem Staub. Es chuutet! Rein in die Jacke, rauf aufs Bike und los. Rechts am See vorbei und dann auf den Wanderweg nach Andermatt. Mal rumpeln wir über runde Steine, dann wieder über Singletrails, weite Wiesen und steile Flanken, kleine Bächlein queren wir noch und nöcher. Wir sind begeistert! Und kommen mit einem breiten Grinsen und einem riesigen Loch im Magen in Andermatt an. Der Hunger meldet sich. Kein Wunder. Schliesslich sind wir seit halb acht in der Früh unterwegs und mehr als ein paar Nüsse aus dem Rucksack gab es seit dem Frühstück nicht. Wir beschliessen, dass hier das Ende unserer Tour sein soll und wir mit dem Zug nach Luzern zurückkehren. Der Magen knurrt, die Kehle ist staubtrocken, da kommt die Pizzeria am Strassenrand gerade recht. Bei Hopfen, Malz und Salz lassen wir die Bilder des Tages Revue passieren.

Spätabends sitze ich daheim schaue in die dunkle Nacht. Tief erfüllt, warme Dankbarkeit in mir drin. Ah, da bahnt sie sich wieder ihren Weg, die kleine Freudenträne aus dem linken Augenwinkel. Sie hat sich in den letzten zwei Tage ein paar Mal gezeigt. Auf unserer Tour durch vier Kantone, über drei Pässe und abertausend Bilderbuchmomente.

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