Ich bin raus

Blick vom Hoch GummenIch bin raus! Mit diesem Claim erobert eine Outdoormarke seit einigen Jahren den Markt. Ich bin raus! Ein Wunsch, der immer mehr Menschen befällt. Ein Virus, das um sich greift, unaufhörlich. Wunderbar! Ja, mich dünkt das wunderbar. Weil ich dieses Outdoorvirus selbst in mir trage. Dem Zauber von Naturerlebnissen verfallen bin. Meine Seele darin schaukelt, wie in einer Wiege und mein Herz zur Ruhe kommt.  

Manchmal frage ich mich aber, was die bauwütigen Vorhaben in den Alpen mit Naturerlebins gemein haben. Ist es notwendig, dass Skigebiete immer grösser werden, immer mehr Menschen transportieren können, immer mehr Fun bieten? Für mich sind die überfüllten Pisten mit all den Rasenden, Kurvenden, Stemmbögelnden mit Stress verbunden. Ich frage mich, was es mit Naturerlebenis auf sich hat, wenn mir grad wieder einer um die Ohren flitzt. Wo steckt da das Gefühl von «Ich bin raus.» drin? Es widerspiegelt in meinen Augen eher das Phänomen von immer höher, schneller, weiter, das ein grosser Teil der Menschheit lebt. Bis es uns irgendwann in Höchstgeschwindigkeit aus der Umlaufbahn schleudert. Manchmal für kurze Zeit, manchmal für länger. Weil es – horchen wir ganz tief in uns hinein – unserer wahren Natur widerspricht.

Wie mag es da der Natur da bekommen, wenn immer mehr gebohrt, betoniert, verbaut wird? Ist sie es, die uns irgendwann komplett rauswirft? Mit voller Kraft zurückschlägt? Ich weiss es nicht. Und, wer bin ich, zu urteilen …? Davon bin ich weit entfernt. Bloss Gedanken, Gedanken mache ich mir. Weil ich mir verdammt noch mal wünsche, dass wir dieses Wunder noch manchen Tag bestaunen dürfen. Und auch die, die nach uns kommen. Immer grösser, immer mehr, das geht auch anders. Nämlich in die umgekehrte Richtung.

Ein Paradebeispiel? Im Kanton Obwalden – da war früher ein kleines Skigebiet, Lungern Schönbühl. Ein paar vage Bilder sind noch in meinem Kopf gespeichert. Glaube, mich zu erinnern, dass ich ein paar ungeschickte Stemmbogen auf den Pisten gemacht habe. Und das Hochzeitsfest meiner heissgeliebten Patentante auf Lungern Schönbühl stattfand. Das war für mich, damals ein kleiner Knirps, ein unvergessliches Erlebnis. Mein Gotti im weissen Traumkleid, ein Abend, an dem die Kinder nicht vor den Erwachsenen ins Bett mussten und dann noch auswärts übernachten. Das hatte was …

In den letzten Jahren geriet das Skigebiet in Vergessenheit, verschwand von meinem Radar und von dem vieler anderer wohl auch. Schneemangel, wenig bis gar keine Gäste, finanzielle Schieflage – man hätte jetzt stur am bestehenden Konzept festhalten können. Skiliftanlagen bauen, die mehr Menschen befördern und auf Schnee und Touristen hoffen. Oder, einen anderen Weg gehen. Für den anderen Weg hat man sich entschieden. Und die feenhaft anmutende Energie des Ortes in ihr absolutes Plus verwandelt. Eine neue Bergbahn wurde gebaut – die Turrenbahn gondelt heute im 20-Minuten-Takt die Sonnenhungrigen nach oben. Dass hier mal ein Skigebiet war, sieht man nicht mehr. Alle Anlagen wurden rückgebaut, das Gelände an die Natur zurückgegeben. Besucht man heute den Ort, herrscht Stille. Einfach Stille. Die Menschen scheinen es zu schätzen. Sie pilgern hin und hoch. Für Skitouren, Schneeschuhwanderungen und einen Genussmoment auf den Sonnenterrassen der beiden Restaurants. Jeder in seinem eigenen Tempo, nicht von einem hochleistungskonditionierten Skilift in die Höhe katapultiert.

Dieser Ansatz mag nicht für jeden Ort der richtige sein. Doch manchmal, da ist etwas weniger ganz einfach ein deutliches Mehr. Mehr Natur, mehr Genuss, mehr Stille und in diesem Fall auch mehr von dem Gefühl – «Ich bin raus».

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