Mensch ärgere dich nicht.

Auf dem Napf tummeln sich Menschen aller Art. Biker, Wanderer, Läufer, Frohgemute und Sauertöpfische. Der kleine Mikrokosmos scheint ein Abbild der menschlichen Vielfalt. Besonders an diesem einen Samstagmorgen. 

Halb sieben und ich bin hellwach. Die Beine kribbeln ungeduldig und zappeln nach Frischluft. Raus aus dem Bett. Rein ins Mikroabenteuer. Napf ich komme. Diesen Hügel – man verzeihe mir den Ausdruck – habe ich in diesem Jahr innig lieben gelernt. Er steht da. Zuverlässig und gemütlich, wie ein alter Haflinger, der zeitlebens seine Dienste getan hat. Unaufgeregt, ein bisschen behäbig.

Unzählige Wege führen auf den Napf. Und jeder ist eine kleine Perle für sich. Wenn ich jeweils oben stehe, beschleicht mich das Gefühl, der Napf wurde eigens gebaut, um den Blick auf die umliegenden Berge noch etwas spektakulärer erscheinen zu lassen. Gipfelflash und Augenfreuden. So auch an diesem Samstag. Ein kurzer Traillauf ab Luthern Bad. Die Beine grad so schön warm, die Schweisstropfen rinnen in kleinen Bächlein. Die ganzen Hirnschlacken der vergangenen Woche verabschieden sich als kleine Salzkristalle dem Körper entlang. Frei!

Meine Oma hat immer gesagt: «Es ged auerlei för gattig Lüüt». Das Schöne am Napf? Er bietet Platz für all diese Menschen. Biker, Familien, Bergläufer, Wanderer und Geniesser. Sie fallen mir bereits an der Kasse auf. Die zwei Sauertöpfe. Stirnrunzelnd lausche ich ihren Worten. Wie sie sich beschweren, dass sie jetzt schon geschlagene zwei Minuten warten. Und da immer noch niemand steht, der ihren Kaffee einkassiert. Verdammte Frechheit aber auch! Zwei Minuten Lebenszeit mit Warten vergeudet. Ich verkneif mir einen Kommentar. Jeder hat mal einen unpässlichen Tag. Und draussen wartet die Sonne. Ich setz mich an einen Tisch, schliesse die Augen und… «Erziehen Sie Ihren verdammten Köter. Es kann doch nicht sein, dass der hier oben die ganze Welt ankläfft» …werde aus meinem Tagtraum gerissen. Der Sauertopf beginnt langsam ranzig zu werden. Der besagte Hund ist ein Herdenschutzhund und vollauf damit beschäftigt, seine Herde (zwei Esel, ein Pferd, zwei Frauen und ein Kind) zusammenzuhalten. Was mich amüsiert, scheint den Herrn mächtig zu ärgern. Er sei schliesslich hier oben um seine Ruhe zu haben. Das lässt Frau sich nicht gefallen und bietet ihm ordentlich Paroli. Und so geht der Schlagabtausch hin und her. Wimbledon und Roger Federer sind Pipifax dagegen. Irgendwann meint die Dame: «Ich glaube, ihr Gekeife stört die Menschen hier oben weit mehr, als das Bellen meines Hundes.» Ich schmunzle in mich hinein und frage mich, wie man so verbittert sein kann. Die Herrschaften scheinen das Pensionsalter weit überschritten zu haben. Sollen sie sich doch die Wochentage aussuchen, um in Ruhe auf dem Berg zu sitzen. Ein Glück, dass sie bald einsehen, dass sie es sind, die den Bergfrieden stören. Schmallippig räumen sie ihre Sachen zusammen und rauschen ab.

Mit der Hund-Frau unterhalte ich mich noch ein Weilchen. Sie und ihr Rudel sind seit einer Woche zu Fuss unterwegs. Esel und Pferd tragen Proviant und Kind. Mir gefällt die Dame. Ja, das ist sie. Trotzt schmutziger Fingernägel, dreckiger Hosen und Wanderschuhen, denen man ansieht, dass sie schon viele Kilometer gegangen sind. Die Eleganz, die sie ausstrahlt kommt von innen. Der Ausdruck in ihrem Gesicht «Ich lebe mein Leben wie ich will und fahre gut damit» steht ihr hervorragend. Auch diese kleine Karawane setzt sich bald in Bewegung. Noch bin ich nicht alleine. Und auch mein Tischnachbar scheint gesprächig zu sein. Diese Komödie von grad eben verbindet irgendwie. Eignet sich hervorragend als Einstiegsthema. Warum auch immer, kommen wir auf den Jakobs-Weg zu sprechen. Jedes Jahr nimmt er sich zwei Wochen Zeit, um ein paar Etappen zu laufen. Ich könnt hüpfen vor Freude und löchere ihn mit Fragen. Denn genau das hab ich im Visier. Den Jakobsweg. Irgendwie geistert das Thema seit einigen Wochen in meinem Kopf herum. Und jetzt sitzt da einer neben mir, der das bereits macht. Nein, es gibt keine Zufälle.

Und so wird aus meinem kurzen Napflauf eine kunterbunte Geschichte. Und ich muss nochmals kurz an meine Oma denken, wie sie in ihrem Sessel sitzt und sagt: «Es ged auerlei för gattig Lüüt». Und sie lebten glücklich (wohl nicht alle) bis an ihr Lebensende.

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