Es gibt Menschen die haben alles – ausser Zufriedenheit

Wenn sich Botox und Leoparden in die Berge verirren, kann das ganz schön skurril werden. Garniert man die Aussicht noch mit einem kleinen Tyrannen, ist die Komödie perfekt. 

Ich gönne mir diesen wunderbaren Sonntagmittag auf der Frutt. Natürlich wuselt es links und rechts von mir. Natürlich ist der Platz an der Sonne begehrt. Aber das ist mir wurscht. Ich setz mich in ein Sofa, neben eine nette Dame. Stecke mein Buch in die Nase und lass hin und wieder den Blick schweifen.

«Nein, ich will rein. Drinnen hat es wenigsten Stühle mit Rückenlehnen und Tische mit Tischtüchern. Und es ist angenehm warm. Hier draussen windet es und es ist viel zu kalt!» «Aber ich will draussen sitzen. Drinnen ist es mir zu warm.» Hoppla, der drei Käsehoch baut sich vor seinem Papa auf und stemmt kämpferisch die Arme in die Seiten. Lieber Mann, du stehst auf verlorenem Posten, denk ich mir. Der Rückenlehnenverlangende ist nicht der Papa… Was muss der kleine Knirps in seinem Leben wohl schon allerlei Grosses geleistet haben, dass er nur mit Rückenlehne aufrecht sitzen kann. Da scheint eine gewaltige Last auf seinen zarten Schultern zu liegen. Die Kamera schwenkt und eine Dame mit Jacke in Leopardenoptik erscheint im Bild. Ihre Augenbrauchen stehen so hoch, dass sie beinahe am Haaransatz kleben. Fast so, als ob sie von unsichtbaren Fäden nach oben gezurrt würden. Da hat die Schönheitschirurgie ganze Arbeit geleistet. Das botoxgefüllte Schlauchbootmündchen verzieht sich und irgendwelche Laute entweichen den Lippen. Ich starre fasziniert auf den Mund, der spricht, ohne sich zu bewegen. «Warum reserviert man denn einen Tisch, wenn man sowieso keinen Platz hat?”, keift sie. «Schatz, den Tisch haben wir im Familienhotel reserviert.» »Ja und warum sind wir dann nicht da?» «Weil unser Kleiner das nicht will.» «Wie?» «Ja eben, er will nicht. Denn es gefällt ihm da unten nicht.» Mir tut der Mann schon beinahe leid, wie er da zwischen seinen zwei liebsten Menschen steht und zum Spielball der beiden wird. Der Kleine macht kräftig Radau und die Botoxlippen schmollen. «Jetzt war ich drei Wochen in Zermatt und zwei Wochen in Verbier. Und sowas ist mir da noch nicht passiert. Und auch der Schnee, voll Scheisse. Das geht ja gar nicht. Ich hab mir fast das Bein verdreht.» «Macht doch, was ihr wollt. Ich geh wieder Skifahren», sagt der Herr und stapft wutschnaubend davon.

Die sympathische und sehr adrette Dame links von mir beginnt amüsiert zu kichern. Eigentlich sind wir beide hier, um die Sonne zu geniessen. Dass wir Slapstick umsonst geboten bekommen, damit haben wir beide nicht gerechnet. Wir werfen uns einen Blick zu. Lehnen uns in unserem Sofa – natürlich mit Rückenlehne – zurück und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Ein zufriedenes «Das Leben ist so schön-Lächeln» auf den Lippen. Und einmal mehr wird mir bewusst: Man kann noch so viel besitzen. Doch die wichtigsten Dinge im Leben kann man sich nicht kaufen.

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