Du kannst das

Klettern in den CalanquesIch durfte wieder einmal eine Lebensschule der feinsten Art geniessen. Vermittelt von einem Menschen, der sein Herz am rechten Fleck und auf der Zunge trägt. Immer ehrlich, immer direkt, immer wohlgesinnt. Er hat mich gelehrt, gestützt und manchmal ganz schön hängen lassen.

Meine Klettererlebnisse in den Calanques liegen schon einige Tage zurück. Und noch immer trage ich all die Bilder in meinem Herzen. Noch immer kriege ich feuchte Hände, wenn ich an einige ausgesetzte Passagen und knifflige Situationen denke. Und noch immer bin ich voll freudiger Dankbarkeit, dass ich etwas so Schönes erleben und erfahren durfte. Schon die Anreise war geprägt von Lachen und einigen kleineren und grösseren Pannen. Ich bin froh, dass ein Mann an der Zapfsäule stand und mein Dieselwägeli befüllte. Ein kurzer Blick und dann die etwas zögernde Frage: «Du tankst doch bleifrei?» «Nein. Das ist ein Diesel…» Zum Glück war noch nicht so viel Blei in den Tank geflossen und mein Auto fuhr munter weiter. Zwar etwas trotzig und stotternd. Aber, so geht es mir ja manchmal auch. Und wenn man ihm genug Zeit liess, schnurrte es wieder fröhlich vor sich hin. Genau wie bei mir.

Mein Seilpartner hat mich in den Calanques an die schönsten Plätze und in die verborgensten Buchten geführt. Er kennt jeden Stein und jede Route. Und, er ist die Ruhe in Person. Was wohl Bedingung ist und die Sache vereinfacht, wenn man mit mir solche Abenteuer bestehen will. Jeder der Tage war ein Geschenk. Aber am lehrreichsten, einprägsamsten war für mich der dritte Tag. Auf dem Plan stand eine weitere wunderbare Mehrseillängen-Route. Über zerklüftete, schneeweisse Felsen, unter uns kontrastreich und blau das rauschende Meer – in mir drin Respekt, der für eine ganze Nation gereicht hätte. Ja, es gab einige Passagen, in denen ich Herzrasen hatte. Ja, ich bin manchmal fast verzweifelt. Ja, ich hab unzählige Male in die Hose geschissen vor Angst. Ich hab die Heiligen vom Himmel geholt und mich selbst in die Hölle gewünscht. Mein Standardsatz in den Tagen und insbesondere an diesem Tag war: «Ich komm hier nicht weiter. Wie muss ich? Was muss ich tun?». Mein Seilpartner stand seelenruhig auf seinem Platz, der Fels in der Brandung, irgendwo ausserhalb meiner Sichtweite. Zog das Seil etwas straffer, damit ich spürte, dass er da war und sagte… nichts. Einfach nichts.
Er hat mich meinen Weg selber suchen lassen und mir durch seine ruhige Art Vertrauen gegeben. Bis ich dann keuchend und schimpfend den Standplatz erreicht habe und wieder auf Augenhöhe stand. Zumindest physisch. Er sah mich grinsend an und meinte: «Geht doch. Ist dir aufgefallen, dass du jede Passage, von der du geglaubt hast, dass du sie nicht klettern kannst, schneller durchstiegen bist, als alle anderen? Jedesmal, wenn du gesagt hast “Ich komme nicht weiter“, dauerte es 20 Sekunden und du hast neben mir gestanden. Du hast für jedes Problem eine Lösung gefunden. Du kannst das, wenn du an dich glaubst und dir vertraust.» Das sass und ich begann zu reflektieren. Er hatte Recht. Oft traue ich mir im Leben zu wenig zu und mache mir zu viele Sorgen. Anstatt einfach loszulaufen und in Ruhe zu schauen, welcher Schritt zum nächsten führt.

Am Ende dieses wunderbaren Tages präsentierte er mir eine Weisheit, die sich wirklich aufs Leben adaptieren lässt. Klettern ist eine Lebensschule und formt die Persönlichkeit. Man braucht Vertrauen in sich selbst und in den Seilpartner. Die Füsse sicher und bestimmt hinstellen, gut atmen, viel Stabilität in der Mitte. Den Fokus ganz auf das Hier und Jetzt gerichtet. Man übernimmt Verantwortung und gibt sich gegenseitig Sicherheit. Und, man gibt dem anderen Zeit, den Weg in seinem eigenen Tempo zu suchen, zu finden und zu gehen. Mit all diesen Werkzeugen und genügend Training lässt sich jede Hürde meistern. Am Fels und im Leben. Im Vertrauen darauf, dass da immer ein Seil ist, das einen fängt, wenn man stürzt.

 
Übrigens, tolle Seilpartner: Bergsteigerschule Rosenlaui 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>