Phoneless

Was ist Heimat? Wo ist Heimat? Ist Heimat an einen Ort gebunden? An Menschen? Oder trägt man die Heimat im Herzen? Was veranlasst Menschen, ihre Heimat zu verlassen und in einem anderen Teil der Welt ein «neues» Leben auf die Beine zu stellen?

«Neu» schreibe ich darum in Anführungszeichen, weil es ja nie komplett neu ist. Sich selber nimmt man mit. Egal wohin die Reise geht. Das eigene «Ich» ist mit dabei. Darum lösen Auswanderer-Träume unglücklicher Menschen bei mir ein Stirnrunzeln aus. Denn mit sich selber zurechtkommen muss man überall. Unabhängig davon, ob man in der Karibik lebt oder auf dem Matterhorn. Die Begleiterscheinungen sind vielleicht einfach mehr oder weniger komfortabel. Aber jeder wie er meint. Das böse Erwachen kommt irgendwann und man stellt verwundert fest, dass man trotz neuer Umgebung immer noch der alte Mensch ist. Vielleicht verstärken sich die Macken sogar noch. Weil Vertrautes fehlt, weil Sicherheit fehlt. Es gibt natürlich auch Leute, die sich einfach so von einem Ort zum nächsten verpflanzen können. Ohne grosses Wenn und Aber. Heute da, morgen dort. Ausnahmen bestätigen die Regel. Denn, die meisten Menschen, die ich kenne, die kleben irgendwie an ihrem Land. Weil wir im Grunde genommen alles Gewohnheitstiere sind. Und, weil es uns in unserer kleinen Schweizer-Oase verdammt gut geht.

Doch, was ist Heimat für Menschen, die auf der Flucht sind? Wir erleben alle in den letzten Wochen mehr oder weniger nah mit, was da abgeht oder verfolgen die Flüchtlingsströme über die Medien. Welche Kommentare, Aussagen mich über gewisse Kanäle anschreien, das stimmt mich nachdenklich. Ich bin ja oft für längere Zeit in Österreich. Täglich kommen unzählige Menschen hier an – auf ihrem Weg in den Frieden. Alles, was diese Menschen an «Heimat» mit sich nehmen können, tragen sie in ihrem Herzen und in ein, zwei Tüten verstaut. Viele von ihnen sind hoch gebildet und waren in ihrem «alten» Leben nicht zwingend arm. Aber, sie kommen aus einem Land, in dem Krieg herrscht. Und sie haben sich auf den Weg gemacht. Auf die Suche nach Sicherheit. Dass Geld vor Bomben nicht schützt, das dürfte wohl jedem klar sein. Und doch habe ich manchmal das Gefühl, dass diese Grundintelligenz auf dem Weg zur Meinungsmache verloren geht … Die Flüchtlinge kommen hier an, waren wochenlang unterwegs und freuen sich, endlich irgendwo zu sein, wo sie wieder einmal durchatmen können. An den Bahnhöfen in Wien kümmern sich freiwillige Helferinnen und Helfern um die Ankommenden. Wenn Kinder dann erzählen, dass sie ihre Mama seit Monaten zum ersten Mal wieder lachen sehen. Dass sie sich wünschen, es möge so bleiben. Dann bekomme ich Gänsehaut und bin ergriffen. Denke mir, dass kein fünfjähriges Kind so was erleben oder jemals eine solche Feststellung machen sollte.

Und dann geht sie los, die Hetze. Überall findet man Bilder, die darauf verweisen, dass diese Flüchtlinge ja Markenklamotten tragen und mit ihren Smartphones unterwegs sind. Als ob das ein Verbrechen wäre. Dabei gibt es dafür gute und logische Gründe. Den einen habe ich bereits genannt: Es sind Menschen. Menschen, die gebildet sind, die in ihrer Heimat gearbeitet haben, die ein eigenständiges Leben führten, bevor der Krieg begann. Ja, sogar Smartphones gab es da. Die gibt es inzwischen überall und das ist bestimmt kein Zeichen für Luxus. (Ich erinnere mich an den älteren Bauern im Atlasgebirge von Marokko. Er war in traditionelles Gewand gehüllt, ritt auf seinem Esel den Berg hinauf, Körbe mit Lasten befestigt. Und war die ganze Zeit lautstark am Telefonieren. Mit seinem Handy …) Seien wir mal ehrlich. Was würden wir als Erstes einpacken, wenn wir unser Land verlassen müssten? Das Telefon. Vermutlich haben alle von uns schon mal auf halber Strecke eine Kehrtwende gemacht, weil das Handy zuhause liegengeblieben ist. Und wir waren nicht auf einer Reise ins Ungewisse. Sondern lediglich auf dem Weg zur Arbeit oder an eine lustige Freizeitbeschäftigung. Unser Handy klebt uns am Arsch (sorry, am Ohr), wie eine zweite Haut. Aber Menschen auf der Flucht sollen keine Möglichkeit haben, sich irgendwie zu verständigen? Der Wunsch, in Kontakt zu bleiben, irgendwie erreichbar zu sein, ist allgegenwärtig. Und gerade in diesen Fällen verständlich und nachvollziehbar. Und die Kleider … das sind dann oft unsere abgelegten Klamotten, die sie tragen. Kleider, die wir Säckeweise an die Sammelstellen karren, mit der Absicht, etwas Gutes zu tun. Schade, wenn das dann gegen die Flüchtenden verwendet wird.

Natürlich gibt es auch unter diesen Menschen die schwarzen Schafe. Ich bin weder naiv noch unglaublich gutgläubig, noch weltfremd. Und auch ich mache mir zu gewissen Szenen meine Gedanken. Aber ich bin sicher, einfach so, um ein bisschen lustig zu sein, verlässt keiner dieser Flüchtlinge seine Heimat. Denn, am Ende … will jeder Mensch nur das Eine: Ein gutes Leben führen, gerne in Sicherheit. Das ist weder unmoralisch noch besonders hochgegriffen.
Wir selbst dürfen sogar über den Luxus nachdenken, wie wir es uns noch etwas angenehmer machen können. Oft sogar, wie wir auf unserem Weg zur Selbstverwirklichung noch eine Stufe höher gehen können. Und das alles, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen, dass wir ein Smartphone besitzen.

4 thoughts on “Phoneless

  1. Hallo Yvonne

    Ich lese deine Texte sehr gerne. Deine Argumentationen sind spannend und nachvollziehbar. Wir Schweizer sollten wirklich dankbar sein. Ich stelle fest, wir produzieren Probleme die eigentlich gar keine sind. Schade, wir haben es doch gut und schön.

    Gruss
    Urs

  2. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es mir ergehen würde, wenn ich mitten im Kriegsgebiet in Syrien leben müsste. Zusammen mit meiner Familie, Kindern, wohl ohne Arbeit und mit der ständigen Angst, von einer Bombe getroffen zu werden oder von einem Andersgläubigen angegriffen zu werden. Jeder von uns würde sich auf die Flucht machen, hin in ein friedliches Land, wo die Kinder nicht in einem unmenschlichen Krieg aufwachsen müssten, sondern mit Gleichaltrigen lachen und leben könnten. Wie sind wir doch vom Wohlstand abgestumpft, dass es unter uns Menschen gibt, die den Flüchtlingen nichts abtreten wollen und selbst das Smartphone missgönnen. Schön, dass es aber auch die andere Seite gibt. Ich stehe voll und ganz hinter Deinen Gedanken und Überlegungen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>