Dem Leben einen Wert geben

Ein schwerstbehindertes Kind knallt in mein Leben wie ein Meteorit. Es strahlt heller, als alle Lichter einer grossen Sadt bei Dunkelheit. Funkelnder, als alle Sterne, die gemeinsam den Himmel schmücken. Das Mädchen taucht die Welt in ein seeliges Licht und lässt mich glauben, dass demnächst Engel vom Himmel steigen, Cherubim und Seraphim – mich mit ihren Flügeln sanft umschliessen. 

Therapeutisches Reiten. Ein Mädchen, gerade mal Sechs, wird vorbeikommen und eine halbe Stunde auf der gutmütigen Stute ausreiten. Das war die Info, die ich hatte. Dass mich die Begegnung so tief berühren würde, darauf war ich nicht vorbereitet. Es ist nicht Mitleid, das mich wie ein Schlag in die Magengrube trifft. Es ist ihr Wesen, das mich fesselt. Ihr Lachen ist von einem anderen Stern, geht mitten ins Herz. Ihre grossen, dunklen Augen fixieren mich. Nackt und schutzlos stehe ich da. Auf meinen gesunden Beinen, meinem gesunden Körper – ausgeliefert einem Menschen, der doch eigentlich hilfsbedürftig sein müsste. Sie schaut tief in meine Seele. Und für einen Sekundenbruchteil glaube ich wirklich, dass Engel vom Himmel steigen. Rein und herzvoll. Unbefleckt — es ist das einzig passende Wort, das mir für diese zarte Person einfällt. Und ich fühle mich ertappt. Weil kurz zuvor noch ein grauer Schleier über mir gehangen hat. Mit einem Schlag hat sich dieser Vorhang, aus unwichtigem Alltagskram gewoben, gelichtet.

Ihre Schwester begleitet sie in die Reitstunde. Alleine der Gedanke, ein schwerstbehindertes Kind auf ein Pferd zu setzen, ist wunderbar. Und ich bin begeistert, wie die Pferdebesitzerin und die Schwester mit dem Mädchen umgehen. Liebevoll aber bestimmt. Die Drei bilden eine Symbiose und brauchen wenig Worte zur Verständigung. Es sind die leisen Töne, die hier ihre volle Wirkung entfalten. Zu sehen, wie das Mädchen strahlt, als es auf dem Pferderücken sitzt – Freudentränen drängen aus meinen Augenwinkeln, zu tiefst berührt. Auf Fragen antwortet es in seiner eignen Sprache: mit einem noch grösseren Funkeln in den Augen. Das sich um ein Vielfaches verstärkt, wenn es ihr gelingt, eine Geste zu machen, eine Hand zu heben, die Richtung zu weisen. Zurück beim Stall streicht sie dem Pferd über die Flanke, wuschelt mit ihren verkrampften Fingerchen in seiner Mähne und … strahlt. Millionenwattmässig, dieses Lachen und unbezahlbar, diese Begegnung.

«Die Familie wollte noch ein Kind, als ihre eigenen schon grösser waren. Darum haben sie einen Adoptionsantrag gestellt. Bald nach dem Antrag kam der Bescheid, dass ein Baby aus einem fernen Land ein liebevolles zu Hause braucht. Die zukünftigen Eltern flogen in die Ferne und besuchten das putzmuntere Mädchen; knapp ein paar Wochen alt. Liebe auf den ersten Blick und grosse Vorfreude auf den Tag, an dem es zur Familie gehören sollte.» So der Anfang der Geschichte. Das Schicksal fragt nicht, ob einem grad in den Kram passt, was es geplant hat. Und manchmal, da kann es ein richtiges Arschloch sein. Das Baby wurde schwer krank. Sein Hirn irreparabel beschädigt. Seither ist es schwerstbehindert und wird nie gehen, greifen, sprechen können. Die zukünftigen Eltern hätten die Möglichkeit gehabt, von der Adoption zurückzutreten. Weil sie Anrecht auf ein gesundes Kind gehabt hätten. Sie haben es nicht getan. Sie haben sich für eine Lebensaufgabe entschieden. Das ist es, was mich an dieser Geschichte am Allermeisten berührt. Ich wage nicht daran zu denken, was mit diesem schwerstbehinderten Sonnenschein in einem mittellosen Land geschehen wäre, wie sein Alltag aussehen würde. Diese Familie hat dem Leben des Mädchens einen unschätzbaren Wert gegeben. Oder ist es umgekehrt?

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